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An(ge)dacht
Lob der Zufriedenheit

Ratingen. Die Zufriedenheit ist eine der lieblichsten Gaben. Wen Gott segnet, dem schenkt er Zufriedenheit. Die Zufriedenheit ist die Schwester der Dankbarkeit. Ein dankbarer Mensch ist ein sehender Mensch. Er sieht und nimmt wahr, was er empfangen hat: Nicht nur das eigene Leben, sondern auch die Liebe der Eltern, das Brot auf dem Teller, die Kraft zur Arbeit, Einsicht und Verstand, Freundschaft, Frieden im Lande, Gesundheit an Leib und Seele, die Fähigkeit zum Mitgefühl, die Freude. Die Reihe ließe sich noch weiter fortsetzen, so dass Paulus fragt: "Was hast du, was du nicht empfangen hast?"

Ein unzufriedener Mensch gleicht einem Blinden, der das Gute in seinem Leben erst sieht, wenn es ihm gerade genommen wird. Breit kann er sich darüber auslassen, dass er so viel zu tun habe. Doch steht er plötzlich ohne Arbeit da, ist das Elend groß. Obwohl ihm vielleicht noch eine stabile Gesundheit geschenkt ist. Das bemerkt er aber erst, wenn er im Krankenhaus liegt.

Der Zufriedene denkt sich: "Es gibt so vieles, das mir jeden Tag geschenkt wird. Doch es wäre ein seltsamer Zufall, wenn das Gute im Leben stets genau in dem Umfang bei mir ankommt, wie ich selbst es gerade brauche. Vielleicht kommt ja heute mehr bei mir an, als ich selbst unbedingt brauche? Vielleicht könnte dieser Überschuss jemandem helfen, der jetzt gerade darauf angewiesen ist? Das wäre doch eine herrliche Gelegenheit, wenn das passen könnte!" Der Unzufriedene denkt so nicht. Er ist eher mürrisch. Sieht er, dass einer dem anderen hilft, protestiert er: "Warum gibst du es nicht mir? Warum gibst du es einem Fremden oder Flüchtling?" Aus seiner Sicht sind alle ihm irgendetwas schuldig, und so schaut er oft grimmig und vorwurfsvoll in die Welt. Weil solche Grimmigkeit anderen aufs Gemüt schlägt, ist er oft allein, denn keiner möchte sich ständig von ihm die Laune vermiesen lassen.

Und oft hat der Unzufriedene mehr Zimmer, als er bewohnen kann; mehr Schuhe, als er anziehen kann; mehr Koteletts, als er verzehren kann und was sein Bankkonto betrifft, ist er oft reicher als der Zufriedene. Die Last, an der er trägt - das ist er selbst. Man möchte ihn rütteln und schütteln und fragen: "Warum? Warum machst du es dir und anderen so schwer? Auch dein Leben kann doch zu etwas gut sein." Doch sein vorwurfsvoller Blick lässt uns zurückschrecken.

Woher ich das alles weiß? Ich bin ihnen beiden schon oft begegnet. Dem Zufriedenen und dem Unzufriedenen. Ich fühle auch zu beiden eine Verwandtschaft - wenn auch zu dem einen mehr als zu dem anderen.

Von Franz Werfel stammt der Satz: "Man weiß nicht, was in einem Menschen steckt, ehe es sich denn bewähren muss." In den nächsten Monaten, wenn viele Leute mit schweren Erlebnissen bei uns ankommen, wird man vielleicht etwas davon zu spüren bekommen.

Quelle: RP
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