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Jörg Eigendorf
Luthers Werk und Bankers Beitrag

Jörg Eigendorf: Luthers Werk und Bankers Beitrag
Vom Investigativ-Reporter zum Konzernsprecher: Jörg Eigendorf äußert sich heute in der Stadtkirche zu "Wurzeln und Werte". FOTO: Mario Andreya/Deutsche Bank
Ratingen. Der Ratinger ist Sprecher der Deutschen Bank und hält heute die Tischrede beim Reformationsmahl in der Stadtkirche.

RATINGEN Schlag zwölf Uhr steht heute ein spannendes Luthermahl in der Stadtkirche an der Lintorfer Straße bevor. Die rund 200 Plätze sind seit Ende vergangener Woche vergeben. Als Redner kommt der Konzernsprecher der Deutschen Bank, Jörg Eigendorf. Bei einem der derzeit schwierigsten PR-Jobs Deutschlands kann sich Eigendorf auf seine journalistische Expertise, unter anderem als Mitglied der Chefredaktion von Die Welt/N24 und Leiter des dortigen Investigativ-Teams, stützen. Seine Jugend verbrachte er in Ratingen. "In der Stadtkirche bin ich konfirmiert worden", sagt Eigendorf im Gespräch mit der RP über Luther und dessen durchaus kritische Distanz zur Finanzwirtschaft.

Herr Eigendorf, die mittelalterliche Form der Finanzwirtschaft war dem Reformator Martin Luther suspekt. Er hatte große Vorbehalte gegen reine Geldgeschäfte, gegen die damals noch jungen Banken, die davon lebten, dass sie Zinsen nahmen. Kein leichtes Terrain für einen Banker - was hat Sie dennoch bewogen, als Redner zuzusagen?

Jörg Eigendorf Ich habe Martin Luther und seine Lehren immer faszinierend und inspirierend gefunden. Außerdem ist Ratingen meine Heimatstadt, hier bin ich geboren; meine Mutter und mein Bruder und seine Familie leben noch hier - da gibt es schon aus diesem Grund eine ganz enge Verbindung zu Ratingen. Und schließlich macht mein Arbeitgeber, die Deutsche Bank, einen grundlegenden Wandel durch. Wir besinnen uns derzeit auf das, was unser Haus groß und anerkannt gemacht hat. Das wollen wir stärken. Das ist einer von mehreren Gründen, warum ich meinen Vortrag unter den Titel "Von Wurzeln und Werten" gestellt habe.

Wie haben Sie sich auf Ihre Rede in Ratingen vorbereitet?

Eigendorf Schon im Spätherbst vergangenen Jahres hatte mich Pfarrer Gert Ulrich Brinkmann gefragt, und ich habe sofort zugesagt. Den Grobentwurf zur Rede habe ich dann ganz spontan Anfang des Jahres geschrieben, nachdem ich mich wieder intensiver mit Martin Luther und seinen Lehren befasst hatte. Daran habe ich immer wieder weiter gearbeitet, je nachdem, was ich gerade gelesen hatte. Es geht mir in meiner Rede nur am Rande um Wirtschaft und Banken. Es geht darum, dass Menschen wie Institutionen zu scheitern drohen, wenn sie sich von ihren Wurzeln und ihren Werte entfernen. Und darum, wie wichtig es ist, Werte und Überzeugungen zu leben und für sie einzustehen. So wie es Luther getan hat.

Im Zusammenhang mit Banken sehen viele "Werte" als etwas rein Materielles an...

Eigendorf Auch in Unternehmen sollte es nicht allein um Materielles gehen. Wirtschaft braucht es Empathie, Tugenden und Werte - genauso wie in der Politik und im Leben schlechthin. Ich werde deshalb versuchen, einen Bogen zu spannen - von der Bedeutung, sich seines Ursprungs und seiner Werte zu besinnen und warum wir heute mehr und nicht weniger Luther brauchen. Seine Lehren bieten hier sehr viel Stoff - sowohl Menschen als auch für Unternehmen.

In der Öffentlichkeit wurden immer wieder zum Beispiel die Investmentbanker Ihres Hauses kritisiert. Wie gehen Sie darauf ein?

Eigendorf Investmentbanker pauschal zu schelten, ist mir zu einfach, Investmentbanking ist sehr vielschichtig. Ich kenne viele sehr integre und aufrichtige Menschen, die diesen Beruf gewählt haben. Etwas anderes ist, wie die Deutsche Bank sich in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten entwickelt hat. Mitte der neunziger Jahre entfernte sie sich allmählich von ihren Ursprüngen - die lagen darin, die deutschen und zunehmend die europäischen Unternehmen weltweit zu begleiten. Darum ging es zunächst auch, als die Deutsche Bank dann seit 1995 ihr Kapitalmarktgeschäft ausweitete: Sie wollte ihren deutschen Unternehmenskunden die gesamte Produktpalette bieten können. Aber dabei ist man über das Ziel hinaus geschossen. Schritt für Schritt hat man versucht, die großen amerikanischen Investmentbanken zu imitieren und zu ihnen aufzuschließen - und das um jeden Preis. Das Ergebnis kennen wir. Daraus hat unsere Bank gelernt. Wir haben uns auf unsere Wurzeln besonnen. Wir stellen wieder die Unternehmen und Privatkunden und ihre Wünsche in den Mittelpunkt unseres Handelns. Und der Heimatmarkt spielt eine viel größere Bedeutung.

Wie haben Ihre Freunde und Kollegen auf den beruflichen Wechsel zur Deutschen Bank nach Frankfurt reagiert?

Eigendorf Da gab es viele, die mir gratuliert haben. Andere fanden es einen mutigen Schritt. Wieder andere haben mich gewarnt. Doch ich habe es bislang keinen Tag bereut. Es ist eine sehr faszinierende Aufgabe, mit einem globalen Team einen solchen Wandel unserer Bank mit all ihren Interessengruppen kommunikativ unterstützen zu können. Es ist eine tiefgreifende Rückbesinnung auf unsere Herkunft und unsere Werte. Insofern passt das in die Tischrede, die ich in der Stadtkirche halten möchte.

DIE FRAGEN STELLTE DIRK NEUBAUER

Quelle: RP
 
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