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Interview mit Jutta Deseleaers
"Man darf nicht auf der Stelle treten"

Interview mit Jutta Deseleaers: "Man darf nicht auf der Stelle treten"
Jutta Deselaers ist Augenoptikerin in Homberg. FOTO: Achim Blazy
Ratingen. Die Homberger Einzelhändlerin spricht über die Vorteile des Dorflebens, beleuchtet aber auch die Schwierigkeiten.

Frau Deselears, zuerst die wichtigste Frage: Sind Sie Hombergerin oder Ratingerin?

Jutta Deselars (lacht) Das ist keine Frage, ich bin Hombergerin. Auch wenn ich ursprünglich nicht von hier komme, kann ich diese Frage ganz einfach beantworten: Wer hier lebt, fühlt sich in der Regel als Homberger, als Mitglied der Dorfgemeinschaft.

Macht das den Reiz des Ortes aus?

Deselaers Es gehört sicher auch dazu, dass die Lebensqualität hier sehr hoch ist, weil Homberg ein sehr persönlicher Stadtteil ist. Man kennt sich untereinander, es ist überschaubar - eben ein richtiger Dorfcharakter. Dazu kommt, dass die Menschen hier sehr kommunikativ sind, sich für die Nachbarn interessieren. Das ist sicher nicht einfach, hat aber den großen Vorteil, dass die Unterstützung unheimlich groß ist, wenn in irgendeiner Form Not am Mann ist.

Klingt idyllisch, aber für Einzelhandel dennoch ein schwieriger Standort, oder?

Deselaers So schön es hier auch ist, wenn unsere Kunden nur aus Homberg kämen, könnten wir wohl nicht überleben. Dazu ist das Einzugsgebiet dann zu klein. Aber wir haben es in all den Jahren geschafft, uns auch außerhalb des Dorfes einen guten Ruf zu erarbeiten. Und das macht letztlich die Mischung aus. Ohne Engagement haben sie keine Chance, langfristig ein hohes Maß an Kundenzufriedenheit zu erreichen.

Das bedeutet?

Deselaers Gerade wenn es einem finanziell gut geht und die Geschäfte laufen, muss man meiner Meinung etwas tun, den Menschen etwas bieten. Sich auf dem Erfolg ausruhen, wäre fatal. Das Ziel ist, sich durch spezielle Aktivitäten ins Gedächtnis der Menschen zu bringen. Schauen Sie, wir haben vor vielen Jahren in Homberg-Süd eine Modenschau gemacht zusammen mit einer Boutique. Das war ein wahnsinniger Aufwand, der im ersten Moment vielleicht mehr gekostet als er gebracht hat. Aber noch heute werde ich von Kunden darauf angesprochen, wie toll das war und dass sie so damals auf uns aufmerksam geworden sind. Ich organisiere mit einigen Kollegen zum Beispiel am Zweiten Advent hier vor der Neuen Mitte immer ein kleines Lichterfest. An so einem Tag verdiene ich in der Regel nichts, aber ich zeige den Menschen, dass es uns gibt.

Aber ist es als Einzelhändler in Ihrem Bereich nicht schwer, gegen die großen Ketten anzukommen?

Deselaers Nein, unsere Hauptkonkurrenz sind nicht die großen Ketten sondern das Auto. Wenn wir nicht durch Qualität und Service überzeugen, dann ist der Kunde weg, ist mit dem Auto in kürzester Zeit bei einem anderen Optiker. Also müssen wir genau in diesen Bereichen punkten, uns abheben, uns neu erfinden. Wir haben uns zum Beispiel jetzt im Bereich Sehbehindertenversorgung zertifizieren lassen oder aber die Zufriedenheit unserer Kunden vom TÜV Süd messen lassen. So etwas ist nicht preiswert, hat aber eine enorme Strahlkraft. Oder ein anderes Beispiel: Im vergangenen Jahr haben wir uns hier vergrößert, einen Akustikbereich dazu genommen. Man darf als Einzelhändler nicht auf der Stelle treten.

Ist das Internet für Sie eine Konkurrenz?

Deselaers Nein, dafür sind sowohl der Optik- als auch der Akustikbereich viel zu beratungsintensiv, als dass ich mir da große Gedanken mache.

Wie beurteilen Sie insgesamt die Einzelhandelsstruktur in Homberg?

Deselaers Wir haben hier alles, was man für den Alltag braucht. Das reicht völlig. Für speziellere Sachen muss ich woanders hin, aber das ist normal und nicht zu ändern. Letztlich ist wichtig, den großen Teil der Kaufkraft im Dorf zu halten.

Also ist Ihnen die Ratinger Innenstadt egal?

Deselaers Ganz und gar nicht. Die Altstadtstruktur ist ein enormer Standortvorteil, dazu kommt, dass es dort überwiegend ein recht hochwertiges Einzelhandelsangebot gibt. Ich bin durchaus gerne da - weil es dort eben Sachen gibt, die es in einem Dorf logischerweise nie geben wird.

Zurück ins Dorf: Bringt Ihnen die A 44-Erweiterung etwas?

Deselaers Da bin ich sehr zwiegespalten. Als Einzelhändlerin finde ich das gar nicht so schlecht, wenn mehr Menschen durch Homberg fahren und so auf mein Geschäft aufmerksam werden. Als Hombergerin und Mutter dagegen bereitet mir das eher Sorgen. Schließlich müssen unsere Kinder diese Straße auf dem Weg zum Bus oft überqueren. Und das ist auch eines der Hauptprobleme im Dorf, das die Menschen beschäftigt: eine sichere Verbindung zwischen Nord und Süd. Da muss unbedingt etwas geschehen.

Sie sind selbst Mutter zweier Kinder im Teenager-Alter. Gibt es im Dorf genug Angebote für Jugendliche?

Deselaers Homberg hat da einiges zu bieten. Der Jugendtreff freitagsabends ist eine tolle Sache, dazu kommen die Aktivitäten der Vereine. Ich denke, dass wir uns da nicht beschweren können. Auch das trägt zu Lebensqualität bei - und die ist bei uns alles in allem sehr hoch.

KARL RITTER FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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