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Ratingen
Maßschneiderei: Stich für Stich zum guten Sitz

Ratingen: Maßschneiderei: Stich für Stich zum guten Sitz
FOTO: Blazy, Achim (abz)
Ratingen. Michael Rosendahl führt das Familiengeschäft an der Lintorfer Straße in dritter Generation. Kunden kommen aus ganz Deutschland. Von Gabriele Hannen

"Blau geht immer, Glencheck kennt kaum noch jemand, und Nadel- oder Kreidestreifen haben in Deutschland nie die ganz große Rolle gespielt". Ganz klar, hier spricht ein Meister, und zwar einer, der sich bestens mit Stoffen auskennt, dazu noch mit Fashion und im Besonderen mit Herrenmode: Michael Rosendahl, der die dritte Generation Maßschneider im Haus an der Lintorfer Straße repräsentiert und lebt, der liebt seinen Beruf. Und wenn er vom Maßschneidern erzählt, fühlt man sich in Zeit und Umgebung versetzt, die sich in irgendwie aus Eaton Place und Iffezheimer Galopprennen zusammensetzt. Die aber den gepflegten Ratinger nicht außen vor lässt.

Wohlgemerkt: Wenn er von der Herrenschneiderei und ihren Ursprüngen und gar nicht so schlechten Gesetzen berichtet. Wenn's aber ans Verkaufen, ans Maßnehmen geht, ist er schon im Hier und Jetzt - genau wie die heimischen und zugereisten Kunden, die seine Dienstleistungen und Fertigkeiten hochschätzen.

Senior Wilfried Rosendahl beim Bügeln eines Maßanzugs. In einem Meisterstück stecken bis zu 100 Arbeitsstunden. FOTO: Blazy, Achim (abz)

Nun blickt Michael Rosendahl auf eine familiäre Geschichte zurück, in der vom Firmengründer Josef im Jahr 1932 bis zu ihm, die Mutter nicht ausgenommen, immer meisterlich genäht wurde. Da sind dann alle im Thema und in einem Boot. Allerdings haben die Altvorderen noch sich nicht mit Klamotten-Lagerverkauf auseinandersetzen müssen und auch nicht mit der allgemeinen Akzeptanz allzeitig legerer Kleidung. Und: Es wurde häufiger maßgeschneidert, das heißt, Anzüge wurden komplett bei Rosendahl im Atelier gefertigt. Das geschieht heutzutage nur noch ein paarmal im Jahr.

An die Stelle dieser Anzüge sind nun überwiegend welche aus der Maßkonfektion getreten. Das heißt, Anbieter geben eine beachtliche Zahl von Variationen in Stoff, Futter, Knopf und modischer Richtungen vor. Beim Herrenausstatter, also bei Rosendahl, wird dann jedes Bestandteil ausgewählt und vermessen.

Letztendlich bringt ein derartig produzierter Anzug einen großen Teil an Individualität mit, ohne eben den erforderlichen Preis eines Stücks vom Schneidermeister zu kosten. 80 bis 100 Meisterstunden stecken nämlich in einem handgefertigten, individuellen Stück. Zum Trost sei gesagt, dass der Meister die Zeit nicht, wie beim Bild vom Schneider Wibbel, mit gekreuzten Beinen auf dem Tisch sitzend verbringt. Er sitzt auf dem Stuhl, hat die Füße auf einem Bänkchen und das Werkstück auf den Knien.

Wenn auch die Regeln für elegante Herrenkleidung und deren Einsatz tief in Britannien verwurzelt sind (und, kennt man sie erst einmal, das gesellschaftliche Leben sehr wohl erleichtern können) so gibt es auch ein modisches Leben nach Queen Victoria. Und die kaufmännischen Bedingungen haben sich genauso gewandelt. Das war schon abzusehen, als Michael Rosendahl Modedesign studierte - wie seine Ehefrau Diana - und erste Auslandserfahrungen machte. Die liebsten waren ihm die in Spanien.

Die ersten beruflichen Jahre - es waren acht - verbrachte er unter anderem im Designbereich eines internationalen Bekleidungsunternehmens. Damals standen noch Vater und Onkel im Atelier für den guten Namen. Im Jahr 1990 wurde das Geschäft an der Lintorfer Straße eröffnet, das der Junior dann 1998 übernahm. Nun war er selbstständig und erfüllte das nicht ganz neue, aber überwiegend zutreffende Sprichwort vom Geschäftsmann, der "selbst arbeitet und das ständig".

Egal, was daran stimmt: "Man muss sich als Handwerker und Geschäftsmann, eben auch in einer Kleinstadt, irgendwie täglich neu erfinden", meint Rosendahl. "Der Laden soll laufen, das Atelier aber auch, die Kundschaft sucht mal eher Modisches, mal Konservatives." Da hilft ihm das, was Ehefrau Diana als hervorragende Eigenschaft ihres Mannes beschreibt: "Er ist unheimlich diplomatisch". Eine Aussage, die auch nicht undiplomatisch ist. Sticheln bedeutet nämlich bei Rosendahls nähen, und nicht hinterhältig reden.

Es geht beim Handwerksmeister, auch wenn er Kunden Maßkonfektion verkauft, immer noch sehr oft um Kleidungsstücke fürs Leben - doch das Leben geht mit den Jahren oft nicht sehr schonend mit der männlichen Figur um. Doch das ist kein Thema. Es wird säuberlich vermessen, nicht über Diäten lamentiert, es werden die Materialien ausgesucht.

Es ist etwas fragwürdig, sich nicht in einen Anzug von der Stange die sekundären Merkmale eines Maßanzugs hinein arbeiten lassen: benutzbare Knopflöcher an den Ärmeln und am Revers, das Monogramm an der Innentasche. Doch der klassische Kunde für den ganz individuellen Anzug aus dem Schneideratelier trägt - auch wenn er ein paar tausend Euro dafür hinblättert - das Etikett nicht nach außen, sondern hat sich seine Reputation anders erarbeitet oder erworben. Dem Kunden braucht auch nicht dezent gesteckt zu werden, dass Socken so lang sein müssen, dass man - egal wie er sitzt - auch keinen einzigen Millimeter nacktes Männerbein sehen will. Und dass ein Smoking zu keiner Hochzeit am Morgen passt.

Worin unterscheiden sich denn letztlich Anzüge von der Stange und Maßarbeiten? Da denkt Rosendahl nicht lange nach und sucht auch nicht nach einer blumigen Antwort, sondern meint kurz und knapp: "Kleidung aus der Maßschneiderei sitzt, und zwar richtig gut."

Quelle: RP
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