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Ratingen
NRW sucht 565 neue Schulleiter

Ratingen: NRW sucht 565 neue Schulleiter
Zwischen Unterricht und Verwaltungsarbeit: Iris Pakenburg führt als dienstälteste Lehrerin an der Wilhelm-Busch-Grundschule in Ratingen-Hösel seit September 2011 kommissarisch die Leitungsgeschäfte. FOTO: Blazy, Achim
Ratingen. Viel Stress und wenig Geld sind nach Angaben der Lehrerverbände VBE und GEW die Hauptgründe für so viele unbesetzte Schulleiterstellen im Land. Besonders an Grundschulen ist der Mangel groß. Warum es nicht leicht ist, Bewerber zu finden, zeigt die Wilhelm-Busch-Grundschule in Ratingen. Von Leslie Brook und Frank Vollmer

Zehn Stunden pro Woche unterrichtet Iris Pakenburg ihr viertes Schuljahr in Mathematik und Deutsch an der Wilhelm-Busch-Grundschule in Ratingen-Hösel. Den überwiegenden Teil ihrer Dienstzeit verbringt die 62-Jährige seit einem halben Jahr jedoch damit, die Verwaltungsarbeit zu organisieren. "Ich stelle Stundenpläne auf, plane den Offenen Ganztag, treffe Absprachen mit der Stadt und mit Trägern über Förderungen und arbeite daran, die Änderungen der Landesregierung umzusetzen", sagt Pakenburg.

Sie führt als dienstälteste Lehrerin die Schule mit 283 Schülern und 20 Lehrern kommissarisch. Unterstützt wird sie dabei von zwei Kollegen. "Ich hätte schon früh Konrektorin werden können und wurde seitdem oft gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könne, die Schulleitung dauerhaft zu übernehmen", erklärt Pakenburg, die seit 40 Jahren an der Schule ist. "Aber dafür bin ich nicht gestrickt. Ich bin kein Wirtschaftsmensch, ich unterrichte lieber."

Nicht nur für die Ratinger Grundschule sucht das Land händeringend nach einem Schulleiter und einem Konrektor. Derzeit sind in NRW ganze 565 Schulleiterstellen frei, gab der Verband Bildung und Erziehung (VBE), ein Zusammenschluss von vornehmlich Grund-, Haupt- und Realschullehrern, anlässlich seines Schulleiter-Kongresses am Wochenende in Düsseldorf bekannt. Allein an NRW-Grundschulen seien derzeit 333 Schulleiter- und 500 Konrektorenstellen vakant. Gegenüber 2008 haben die offenen Schulleiterstellen nach Zahlen des NRW-Schulministeriums um mehr als 60 Prozent zugenommen.

An der Ratinger Grundschule waren zuletzt beide Leitungspositionen – die des Schulleiters und die des Konrektors – zeitgleich besetzt. Seit September 2011 sind beide Stellen unbesetzt und immer wieder auf den Internetseiten des Landes ausgeschrieben. Einen geeigneten Bewerber hat es aber bislang noch nicht gegeben.

Für den chronischen Bewerbermangel auf Leitungsstellen, insbesondere an Grundschulen, macht die Bildungsgewerkschaft GEW zu wenig Geld und zu viel Stress verantwortlich. Der Rektor einer Grundschule verdiene im Schnitt 3700 Euro brutto, etwa 500 Euro mehr als ein normaler Lehrer. "Deshalb fordert die GEW mehr Geld und zusätzliche Beförderungsstellen, die der geänderten Rolle, der Verantwortung und dem Umfang der Leitungsaufgabe Rechnung tragen", sagte GEW-Landeschefin Dorothea Schäfer unserer Zeitung.

Im Grundschulbereich hätten Schulleiter eine Dreifachbelastung zu meistern: Unterrichten, Leitungsaufgaben und Klassenleitung. "Die Unterstützung durch von den Kommunen bereitgestellte Verwaltungskräfte ist zu gering. Sie sind häufig nur zwei bis drei Stunden pro Woche im Einsatz", kritisiert Schäfer. Eine zu geringe Bezahlung auf der einen Seite sowie zu umfangreiche Aufgaben auf der anderen Seite sind auch nach Ansicht des Lehrerverbandes VBE Gründe für die vielen unbesetzten Stellen.

Auch im Schulministerium sieht man, dass die offenen Rektorenstellen ein Problem sind. Dass eine Positon nicht besetzt sei, heiße allerdings nicht, dass die Schule nicht geleitet werde, sagt ein Sprecher: "Dann übernimmt der Stellvertreter oder der dienstälteste Lehrer." Zur Entlastung der Schulleitungen seien im Haushalt 2011 Mittel für 340 zusätzliche Lehrerstellen an Grundschulen geschaffen worden. So sollen die Rektoren von Verwaltungsaufgaben entlastet und die Schulleitung attraktiver werden. Weitere mehr als 220 Stellen waren im Haushalt 2012 vorgesehen – dessen Verabschiedung aber ist im Landtag vor wenigen Tagen gescheitert, was zur Auflösung des Parlaments führte. Die Mittel sind also noch nicht bewilligt.

Der Mangel wird sich in den kommenden Jahren noch verschärfen: Bis zum Jahr 2017 soll laut GEW jeder zweite Schulleiter in Pension gehen. "Wir hoffen, dass unsere Schule bald wieder eine feste Leitung bekommt", sagt Iris Pakenburg. Für die Stabilität einer Schule sei das wichtig. Jedoch komme der Job für viele der jungen Lehrerinnen nicht infrage. "Er ist schwierig mit einem eigenen Familienleben zu vereinbaren." Sie könnte sich jedoch ein alternatives Modell vorstellen: "Vielleicht muss man künftig die Aufgaben auf ein mindestens dreiköpfiges Leitungsteam verteilen. Das würde den Job für viele attraktiver machen."

(RP/jco)
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