| 15.45 Uhr

Ratingen
Nuhrs Bilder-Welt

Düsseldorf. Auch wenn die Herren Gursky, Ruff und Struth nicht zittern müssen: Die Fotografien von Dieter Nuhr sind ohne Zweifel mehr als einen Blick wert. Das gilt auch für die parallel gezeigten Kaffeebilder von Roswitha Riebe-Beicht. Wer nicht vorbeischaut im Stadtmuseum, ist selber schuld. Von Cordula Hupfer

Ein Museumsbesuch kann auch eine Art Kurzurlaub sein, doch müssen dafür nicht zwingend Reisefotografien gezeigt werden. Im Fall Dieter Nuhr ist die Sache ohnehin auf interessante Weise verwickelt: Manche seiner Reisebilder sind auf den ersten Blick eher dokumentarisch interessant, andere bestechen prompt aus kompositorischen Gründen. Die dritte Sorte wiederum ist so angelegt, dass der Betrachter ins Grübeln gerät: Ist das noch Fotografie? Ist das nicht doch schon Malerei? Kurzum: Wer sich auf eine Augenreise à la Nuhr begibt, wird viel mehr erfahren als bloß, wann der Wortgewaltige mal wieder wo und mit wem eine fotografische Auszeit genommen hat, und wie oft er auf den Auslöser drückt, bis er das Bild, sein Bild, gefunden hat.

Bei manchen Bildern sind Struktur und Schattierungen gar so interessant, dass sie umgehend zur Meditation verleiten und biografische Daten eigentlich völlig überflüssig werden lassen. Allein: Der Mann ist Wortkünstler, also erwartet das Publikum entsprechende Erzählung, Deutung, Selbsterklärung. Sympathischerweise ist Nuhr solcher Aussprache nur begrenzt zugeneigt: "Es gab eine Zeit, da habe ich die Bilder für mich gemacht und musste das nur mir selber erklären. Das war ein schöner Zustand", befand er gestern beim Pressegespräch.

Bereist hat er unter anderem China, Tibet, Peru und den Iran, aber auch Griechenland, und, nicht zu vergessen, Nordkorea, das bislang einzige Land, in dem er sich als Tourist und erst recht als Fotograf nicht frei habe bewegen können, erzählt Nuhr. Menschen finden sich kaum auf seinen Bildern. Nuhr, der nicht nur auf der Bühne, sondern auch als Fotograf bevorzugt frontal arbeitet, findet es nicht höflich, fremden Menschen einfach die Kamera vors Gesicht zu halten. Lediglich in Nordkorea, wo das Individuum meist in die Masse verschwindet, hält Nuhr eben dies fotografisch fest. Das Weltgeschehen hat ja weiß Gott nicht nur malerische Stillleben zu bieten, auch wenn letztere in der über 90 Fotografien umfassenden Ausstellung überwiegen.

Damit die Motive optimal zur Geltung kommen, sind die Museumswände nun nicht mehr goyarot, sondern stahlgrau. Hausherrin Melanie Ehler hat die Bilder in Abstimmung mit dem Fotografen so inszeniert, dass der Besuch insgesamt zum Erlebnis wird. Schon bei Goya war die Inszenierung herausragend, und auch diesmal hat Ehler dafür gesorgt, dass das Niveau der Präsentation mit dem Gegenstand Schritt hält. Durch die Art der Hängung "sind Pointen entstanden. Das finde ich gut", lobt Nuhr. Da treffen schnurgerade deutsche Ackerfurchen auf wildes afrikanisches Hinterland – es gibt viel zu entdecken, und außerdem einen Katalog zum Mitnehmen und Weitermeditieren.

Wer zu Nuhr will, muss indes erst an Roswitha Riebe-Beicht vorbei, die im Foyer ihre Kaffeeflecken-Bilder zeigt. Anders als der Fotograf, der das Konkrete zu einer Komposition abstrahiert, arbeitet Riebe-Beicht aus dem zufälligen, dem Kaffeefleck nämlich, per Bleistift eine Kontur heraus, und die Ergebnisse sind verblüffend. Erweitert wird die Fleckenbilder-Schau durch mehrschichtige Pappmaché-Profile, außerdem durch baumelnde Baumwolltaschen- und Baumwollhemden-Bilder. Man merkt: Die Frau hat ein Faible fürs Material und für die Arte Povera, die ihre Installationen aus gewöhnlichen Gegenständen fertigt. Dass ihre Pappmaché-Arbeiten aus geschnibbelten Rats-Unterlagen erstanden sind, ist eine auch nicht unangenehme ironische Note.

Informationen zum Begleitprogramm und zu Führungen gibt es im Museum, Peter-Brüning-Platz 1, sowie unter Tel. 550-4180/-4181.

Quelle: RP
 
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