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An(ge)dacht
Pfingstfest war ursprünglich verrücktes Phänomen

An(ge)dacht : Pfingstfest war ursprünglich verrücktes Phänomen
Thomas Gerhold Pastor der Ev. Friedenskirche in Ratingen-Ost. FOTO: blazy
Ratingen.  Ich versteh‘ die Welt nicht mehr!" Das ist so ein Satz, ein Seufzer, der uns über die Lippen kommt. "Ich versteh‘ die Welt nicht mehr!" das ist ein Satz, den man in ganz verschiedenen Situationen sprechen kann. Das sagen Alte zu Jungen und wundern sich, dass junge Leute alle paar Minuten auf ihrSmartphone gucken, Mails, Nachrichten und Videos checken.

Das sagen Junge über Alte und können sich nicht vorstellen, wie man früher ohne Internet leben konnte. "Ich verstehe‘ die Welt nicht mehr" sagen unsere neuen Nachbarn, die in Syrien oder Afghanistan so gerne ihr Leben weitergeführt hätten, die Terror und Krieg veranlassten die lebensgefährliche Flucht auf sich zu nehmen, um hier ganz klein und von vorne anzufangen. Ich verstehe auch vieles nicht mehr. Nicht, warum Unterkünfte brennen.

Nicht, dass politisch immer noch so wenig getan wird, um die Ursachen der Flucht zu bekämpfen. Verstehe nicht, dass Europa sich aufteilt in Flüchtende aufnehmende und ablehnende Staaten. Dabei wäre es doch jetzt dringend nötig, dass wir gemeinsam die Werte Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit umsetzen. Denn was sind Werte sonst noch wert? Ich verstehe auch nicht, wer eigentlich den Krieg in Syrien begonnen hat, wer sich jetzt mit welcher Absicht beteiligt und von wo eine Lösung kommen sollte.

Am Wochenende feiern die Kirchen auf der ganzen Welt wieder das Pfingstfest, das ursprünglich ein völlig verrücktes Phänomen mitten in Jerusalem war. Es kam überraschend und bestand darin, dass ganz normale Leute, einfache Besucher, die beim Erntefest dabei waren wie die Freunde Jesu, erlebten, wie sie plötzlich einander verstanden. Und zwar richtig! Jeder hörte den andern in seiner Sprache, so dass man sich verstanden fühlte mit seinen Ängsten und Träumen, seiner Kraft und Ohnmacht. Die Sätze des Tages waren "ich versteh‘ dich - und wirklich: Du verstehst mich!" Das wünsche ich mir auch, dass wir wieder mehr verstehen und uns besser verstehen - ohne gleich immer einer Meinung sein zu müssen. Es gab damals auch Kritiker. Die fanden das große Verstehen in Jerusalem unheimlich, vermuteten schnell den übermäßigen Genuss von Alkohol als Grund – der war es aber nicht. Grund war Gottes Geist, der in Bewegung setzt und für eine neue Art der Verständigung sorgt. Und dieser Geist fehlt uns heute.

Egal, was uns trennt, ob Herkunft oder Religion, ob Partei oder Verein, über alle Grenzen und Unterschiede hinweg brauchen wir den Geist von Pfingsten, damit wir uns menschlich verstehen. So weit ist ein Mensch vom anderen doch nicht entfernt. Wir haben die gleichen Träume, wir lieben alle unsere Kinder, wir haben eine dünne Haut, wenn man uns kritisiert. Pfingsten ist der Gegenwind Gottes gegen Rassismus und Ausgrenzung, gegen religiöse und auch wirtschaftliche Überheblichkeit. Pfingsten ist der Rückenwind für Vielfalt und Menschenfreundlichkeit. Die Kirchen könnten stellvertretend Dolmetscher sein für Menschlichkeit, Orte, die aus dem Sprachgewirr herausführen und Menschen neu verbinden. Vielleicht haben wir Gottes Geist so noch nie erlebt. Aber er macht uns doch als Menschen zu Menschen und diesen heiligen Geist tragen wir alle in uns. Und so würde sich die Welt mehr verstehen.

In diesem Sinne: Frohe Pfingsten 2016

Thomas Gerhold Pastor der Ev. Friedenskirche  Ratingen-Ost

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