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Ratingen
Schützensilber - künstlerisch wertvoll

Ratingen: Schützensilber - künstlerisch wertvoll
Königssilber aus dem Jahr 1780 von Anton Pollender, der wohl Bäcker war - siehe die Brezel auf der rechten Seite. FOTO: achim blazy
Ratingen. Die feinen Schmiedearbeiten aus der Zeit von 1728 bis ins 19. Jahrhundert zählen zu jenen Zeitzeugen, die Historie greifbar in unsere Zeit holen. Aufbewahrt werden sie im Museum und im Stadtarchiv. Von Gabriele Hannen

Im vergangenen Jahr schoss Peter Leyendecker bei den Sebastianern den Vogel ab, in diesem Jahr darf er sich mit seiner Königin, mit Ehefrau Kerstin, durch die Stadt fahren lassen und seinem Nachfolger seine Silberplatte zum Schützensilber überlassen. Ehrenzeichen gibt es also im Nachschlag.

Die Schützen wiederum, auch die in einzelnen Kompanien, haben inzwischen die diversen Ketten so umgearbeitet, dass die silbernen Platten weder über den Boden scheppern, wenn Majestät mal ein paar Schritte zu Fuß in vollem Ornat schreitet, noch ein zu hohes Gewicht auf seinen Schultern ruht. Aber zwischen 15 und 20 Kilogramm sind es immer noch.

Karl Heinz Schneider, jetzt Ehrenvorsitzender und von 1997 bis 2011 Schützenchef, erinnert daran, dass das Schützensilber - wie die gesammelte Pracht heißt - in der Sommersonne auf ohnehin muckeligem Lodenjanker getragen, unglaublich aufheizt. "Aber das Silber erinnerte auch daran, dass mit den Schützen auch Bürgerliche Orden und Ehrenzeichen trugen, die sonst nur dem Adel vorbehalten waren."

Waren Schützen eine rebellische Protestbande, wenngleich sie ursprünglich als wohltätige Gemeinschaft mächtig Gutes taten. Sie unterstützten Witwen und Waisen und sprangen ein, wenn zum Beispiel Ärzte und Medizin bezahlt werden mussten. Dann wiederum konnte man im Notfall auf die silbernen Platten zurückgreifen, die sich trefflich einschmelzen und dann sozusagen "versilbern" ließen.

In Ratingen zum Beispiel waren Ende des 18. Jahrhunderts Platten mit dem Gesamtgewicht von rund 300 Gramm zu einem Weihrauchbehälter, einem Schiffchen, umgeschmolzen worden. Auch die Mösch, die morgen zur Ankündigung des Festes durch die Stadt getragen wird, ist eine silberne Zweitnutzung. Allerdings gab es bei den Sebastianern schwarze Schafe - vielleicht auch nur eins - denn Anfang des 19. Jahrhunderts verschwanden einmal 26 Platten. Gegenwärtig gibt es mancherlei sichere Aufbewahrungsstätten für die bruderschaftlichen Wert-Accessoires. So hütet das Stadtarchiv Medaillen, Pokale, Plaketten, wird das aktuelle Silber des amtierenden Königs - und alles gilt auch für den Jungschützenkönig - im Tresor eines Geldinstituts gelagert und warten 60 Platten im Ratinger Museum auf die große stadtgeschichtliche Ausstellung, zu der sie gehören werden. Immerhin zählen die künstlerisch wertvoll gefertigten Arbeiten aus der Zeit von 1728 bis ins 19. Jahrhundert (außer erhaltenen oder renovierten Häusern) zu den Zeitzeugen, die tatsächlich greifbar Historie in unsere Zeit holen.

Die wirklich alten Platten sind leicht gewölbt und Schilden nachempfunden, die zur Waffenabwehr dienten. Ihre Größen variieren von zwölf mal 13 bis 15 mal 18 Zentimetern. Auf dem Spiegel in der Mitte prangt oft ein Familienwappen, sei es alt oder frisch kreiert. Rundum ranken sich, meist asymmetrisch angeordnet, Muschel- und Blätterwerk. Die Platten sind alle sauber und blank geputzt in säurefreiem Papier und dann in Kartons gelagert und werden in ein paar Monaten hervorragender Teil der geschichtlichen Ausstellung.

Sie demonstrieren nicht nur Bürgerstolz, Kreativität, handwerkliche Kunst und beachtlichen Einfallsreichtum, man kann bei einigen auf die Silberschmiede Rückschlüsse ziehen. So lassen sich an den Meisterzeichen die Goldschmiede identifizieren, am "Lötigkeitszeichen" den Feingehalt des Silbers ablesen. Dazu kommen die Beschauzeichen - die ist die offizielle Bestätigung, dass ein städtischer Beschaumeister den Feingehalt des Silbers überprüft hat. In Ratingen bestand das Beschauzeichen aus einem stehenden Löwen mit einem Rad in den Tatzen, dazu ist das Lötigkeitszeichen 13 vermerkt, das heißt, 13 Lot Silber sind mit drei Lot Kupfer legiert, was heute einem Feingehalt von 812,5/1000 entspricht.

Die ehemaligen Schützenkönige, die in der Dokumentation über die Ratinger Sebastiani-Bruderschaft von Helmut Pfeiffer neben Fahnen, Urkunden, Ereignissen trefflich aufgelistet sind, tauchen zu ihrer Zeit auch an anderer Stelle als Stadträte, Schöffen, Bürgermeister auf. Der historische Jet-Set kam also am Schützentum nicht vorbei. Fortschrittlich zeigte man sich 1859 mit dem Beschluss, keine Vorstandsposition zu verkaufen. Vergebens aber bemühte man sich, den Brauch abzuschaffen, dass ein Mitglied für ein anderes schießen durfte, schon gar nicht beim Königsschuss.

Es gibt im alten Silber eine anonyme Platte aus 1804, auf der steht: "Es Lebe der König, wer zu unser scheib will König sein das sol und kann kein Knauser sein."

Quelle: RP
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