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Ratingen
Seit 90 Jahren die Heimatgeschichte im Blick

Ratingen. Pünktlich zum runden Geburtstag hat der "Verein für Heimatkunde und Heimatpflege" eine Publikation mit dem Titel "Ratingen in der Weimarer Republik" vorgelegt. Mitglieder bekommen sie gratis. Von Gabriele Hannen

Der Erste Weltkrieg war vorbei, Ratingen mit etwas mehr als 10 000 Einwohnern klein und fein und 649 Jahre alt, der Bürgersinn gab sich ausgeprägt. Da kamen 34 engagierte Männer zusammen und planten die Feier des anstehenden Stadtjubiläums, denn im nächsten Jahr, 1926, würde das "Tor zum Bergischen Land" seit 650 Jahren zur Stadt erhoben sein - ein wirklicher Anlass zum Feiern. Es formierte sich der "Verein für Heimatkunde und Heimatpflege". Das Datum des 90. Jubiläums fiel allerdings in diesem Jahr auf den Rosenmontag, die Feier wird deshalb nachgeholt.

Der Begriff Heimat, heutzutage sicherlich nicht mehr in allen Ohren und Gemütern der Brüller, zog damals noch: 25 Beamte und Angestellte, 24 Kaufleute, Handwerker oder Industrielle, 20 Lehrer und 14 Selbstständige - wie Anwälte oder Ärzte - stiegen als Gründungsmitglieder ein. Und es ist davon auszugehen, dass sie damals nicht weniger beruflich eingespannt waren als sie es heute wären.

Dennoch brachten die Vereinsmitglieder ein üppiges Stadtfest auf die Beine, es gab so genannte "Heimatblätter", mancherlei Aktivitäten. Nur eins war nicht zu schaffen: Die Umbenennung des Vereins in die Kurzfassung "Heimatverein Ratingen", schon 1928 beantragt, ist bis heute nicht wirklich durchgesetzt worden. Im Dritten Reich ruhten die Vereinsaktivitäten. Im Jahr 1946 aber ging es gleich wieder los, diesmal war auch eine Frau unter den Aktiven. Es waren in der Hauptsache Vertreter der Stadt, die die Vereinsarbeit ankurbelten, es waren vor allem städtebauliche Themen, die die Gemüter erhitzten. Und wieder lockte ein Stadterhebungsjubiläum. Aber, und das war wirklich eine beachtliche Leistung, die Mitgliederzahl wurde allein in einem Jahr - 1957 - von 182 auf 352 Personen angehoben. Auch im so genannten Heimatverein waren es "die üblichen Verdächtigen", die das Schiff auf Kurs hielten. Jakob Germes, Mensch gewordenes Stadtgedächtnis, und lobenswerte Helfer trugen, beruflich und privat vorgebildet, beharrlich zur Erleuchtung der Geschichte bei. Aus diesem Fundus ist nun auch die neue unentgeltliche Jahresgabe für die Vereinsmitglieder von Hermann Tapken sachkundig und akribisch zusammengetragen worden: "Ratingen in der Weimarer Republik". Im Handel wird das Buch 19,95 Euro kosten.

Mit dem Dokumentenband setzt der Verein die Reihe der bereits erschienenen Quellenpublikationen zur Ratinger Geschichte im 20. Jahrhundert fort. Chronologisch und thematisch gegliedert, werden in der nun vorliegenden umfassenden Sammlung von Schrift- und Bildquellen die Entwicklungslinien der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Geschichte Ratingens in den Jahren 1918 bis 1929 dargelegt. Unterteilt in drei Kapitel vom Kriegsende, der Revolution bis hin zum Vorabend des Scheiterns der Weimarer Demokratie im Zeichen der heraufziehenden Weltwirtschaftskrise zeichnet die Publikation auf 415 Seiten beispielhaft das Modell einer rheinisch-bergischen Kleinstadt zwischen den Weltkriegen.

Dabei hat Hermann Tapken stets das lokale Geschehen der damaligen Kleinstadt Ratingen dokumentiert und beschrieben. Wie bei den beiden anderen Dokumentationen übernahm der Heimatverein wieder die Herausgeberschaft und sieht sich in besonderer Weise verpflichtet, solche grundlegenden stadtgeschichtlichen Forschungsarbeiten zu unterstützen und zu fördern. Gleichzeitig werden auf diese Weise authentische Quellen aus unterschiedlichen Archiven der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt, die unter anderem auch in Schulen eingesetzt werden können. Der Verein spendiert allen Ratinger Gymnasien einen Klassensatz der Bücher.

Mit solch sinnvollen Taten, mit kurzweiligen und viel geklickten Aktionen bei Facebook ("Wer kennt dieses Haus?"), auch mit Fahrten und Wanderungen wollen Vorsitzender Michael Lumer und seine Getreuen für den Verein werben - für Ratingen als Heimat und Attraktion müssen dann schon ganz andere Register gezogen werden. Und nicht nur von einem Verein allein.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass das Wort Heimat und sein Sinn sowie das Selbstverständnis dieser Gemeinschaften auf einen gemeinsamen Prüfstand gehören, damit sie zukunftsfähig werden. Der Begriff Heimweh zum Beispiel ist Leuten unter 70 Jahren doch auch nicht fremd.

Quelle: RP
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