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Lokalsport
Bosseln ist Sport und Kontaktpflege

Ratingen. Der Verein BSG Ratingen hatte zu einem Hallenturnier eingeladen. Der Sportart fehlt der Nachwuchs. Von Nils Jewko

Günter Tückmantel schaut, er analysiert das vor ihm liegende Feld. Dann überlegt Tückmantel kurz, visiert den Zielpunkt an und geht leicht in die Knie. Mit der Hand macht er schwingende Bewegungen, ehe er die Bossel über den Hallenboden rutschen lässt. Die hölzerne Halbkugel mit Bürsten als Unterboden kickt ein gegnerisches Spielgerät zur Seite und stoppt an der gewünschten Stelle. Extrapunkt und Durchgang gehen an BSG Ratingen, der als Verein für Breiten-, Behinderten- und Reha-Sport zu einem Bosselturnier eingeladen hatte.

Tückmantel zeigt auf sein Knie und krempelt die Hose etwas hoch. "Arthrose", sagt er, "und mein Handgelenk ist auch kaputt." Bei Menschen mit einer Behinderung zählt Bosseln zu den beliebtesten Sportarten. Manche leiden an einer orthopädischen, andere an einer geistigen Behinderung. Aber Menschen ohne Einschränkungen werfen ihre Bossel ebenfalls über das insgesamt 16 Meter lange Feld - mit dem Ziel, ihr Spielgerät möglichst nah an einem quadratischen Würfel ("Daube"), im vier Meter langen Zielbereich zu platzieren.

Beim Verein BSG, der insgesamt 400 Mitglieder hat, führen 15 Menschen die Sportart Bosseln regelmäßig aus. Tückmantel ist bereits seit zehn Jahren dabei, seine Brüder haben ihn damals mitgenommen. "Am Anfang habe ich die Bossel gar nicht in den Zielbereich bekommen. Ich wollte schon aufgeben, bin dann dabeigeblieben und habe mich immer weiter verbessert", erzählt Tückmantel im Rückblick.

Viel hängt von der richtigen Technik ab. Was auf den ersten Blick einfach aussieht, ist es nicht - wie ein Selbstversuch beweist. Kraft und Präzision sind gefragt, um die knapp 400 Euro teure Bossel auf der zwei Metern breiten und mit gelbem Klebeband markierten Bahn in die richtige Position zu bringen. "Es ist wichtig, die Bossel im richtigen Moment loszulassen, damit sie gerade aufsetzt und nicht auf dem Rand rollt", erklärt Rainer Paklinski aus Dormagen. Er ist Koronarpatient und mittlerweile schon seit zwölf Jahren aktiver Bossler.

Paklinski zählt zur jüngeren Generation - und das trotz seines Alters von 55 Jahren. Der Großteil der Spieler an diesem Tag sind Senioren und Jugendliche befinden sich überhaupt nicht in der Halle. "Der Sport hat ein großes Nachwuchsproblem. Mit dem Gästebosseln wollen wir zeigen, dass es auch was für junge Menschen ist", sagt der BSG-Vorsitzende Frank Meyer. Die dafür extra eingerichtete Bahn bleibt allerdings ungenutzt. Vier Zuschauer sind gekommen, doch selbst zur Bossel greifen wollen sie nicht. "Es ist eine aussterbende Sportart", bestätigt BSG-Sportwart Otto Fühser mit ernster Stimme.

Während des Turniers ist das unter den Beteiligten jedoch kein Thema. Sieben Teams aus drei Spielern und einem Mannschaftsführer spielen in jeweils sechs Durchgängen pro Partie um den Sieg. Punkte gibt es dabei für jede Bossel, die im Zielbereich liegen bleibt. Hinzu kommt noch einen Extrapunkt in jedem Durchgang für dasjenige Team, dessen Bossel am nächsten an der Daube liegt. Bei besonders knappen Entscheidungen muss eventuell sogar der Zollstock herhalten. Am Ende gewinnt die BSG Ratingen sein Heimturnier vor Hilden.

"Spaß und ein gewisser Ehrgeiz stehen im Vordergrund. In den Pausen werden die Kontakte gepflegt", betont Meyer. Das gilt bei den verschiedenen Turnieren, die sechs bis sieben Mal im Jahr stattfinden. Dass das in der Zukunft weiter so bleibt - darauf hoffen sie beim Bosseln in Ratingen alle. Dienstags (20 Uhr bis 22 Uhr) und freitags (10 Uhr bis 12 Uhr) können sich alle Interessenten in der Turnhalle an der Graf-Adolf-Straße selbst ein Bild von der Sportart machen.

Quelle: RP
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