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Lokalsport
Ratinger Mediziner hilft Olympia-Sportlern

Ratingen. Antonius Kass ist in Rio de Janeiro hauptsächlich für die Betreuung der Tischtennis-Spieler wie Timo Boll zuständig. Von Nils Jewko

Antonius Kass nennt sie liebevoll die "kleine Apotheke". Der Inhalt? Vitamintabletten, Antibiotika, Aspirin oder Schmerz- und Entzündungshemmer - Kleinigkeiten also, die der Sportmediziner aus Ratingen bei seiner Arbeit immer wieder gebrauchen kann. Aufbewahrt wird die "kleine Apotheke" allerdings nicht etwa in seiner Praxis in Düsseldorf, sondern 16 Stockwerke unter dem Appartement von Kass in Rio de Janeiro. Genauer gesagt: In der medizinischen Zentrale des deutschen Komplexes im olympischen Dorf. Als leitender Verbandsarzt des Deutschen Tischtennis-Bundes wurde Kass vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) nach Brasilien entsandt. Vor Ort kümmert er sich während der Olympischen Spiele um Timo Boll und Co.

"Es ist eine große Ehre und eine Art Ritterschlag für einen Mediziner", sagt Kass über seine Nominierung. 24 Ärzte, 43 Physiotherapeuten und drei Sportpsychologen stehen in Rio bereit, um die rund 420 Athleten bestmöglich zu versorgen. Und dafür brauchen die Mediziner neben ihrem Fachwissen vor allem eins: Informationen. Kass weiß über alles Bescheid, über die Krankheits- und Verletzungsgeschichte seiner Sportler, über jedes eingenommene Medikament und Nahrungsergänzungsmittel.

Schließlich ist das Thema Doping in Rio de Janeiro bei einigen Sportarten allgegenwärtig. Der Verzicht auf einen Komplett-Ausschluss von Russland nach erwiesenem Staatsdoping und die Olympiasiege von überführten Athleten im Schwimmen oder Gewichtheben sorgen für eine vergiftete Stimmung unter den Sportlern und Funktionären. "Aktuell haben wir einen Wendepunkt in der Akzeptanz von Olympia erreicht. Die Spiele sind dabei, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren", betont Kass, "warum gibt es keine ewigen Sperren? Solche Leute haben hier nichts zu suchen."

Der gebürtige Paderborner ist seit 1992 Mitglied der Anti-Doping-Kommission des Deutschen Volleyball-Verbandes und kennt sich im Leistungssport bestens aus. Als Spieler stand Kass zehn Jahre in der Volleyball-Bundesliga auf dem Parkett und machte 80 Spiele für die Nationalmannschaft. Doch für eine Olympia-Teilnahme reichte es nicht. Es sei daher eine Genugtuung, diesen Traum mit seinen Sportlern mitzuerleben, sagt Kass.

Von den Athleten wird der Mediziner geschätzt, weil er als ehemaliger Aktiver ihre Situation, ihre Sorgen und ihre Ängste selbst erlebt hat. "Ich habe fast jede Verletzung schon selber gehabt und ich weiß genau, wie es sich anfühlt, wenn man nach fünf Stunden Training in sein Bett fällt", sagt Kass. Schwere Verletzungen wie der Kreuzbandriss von Turner Andreas Toba gehen daher auch dem Sportmediziner nahe. "Es tut mir selber weh, wenn ich in der Zeitlupe sehe, wie sein Knie wegknickt", sagt Kass.

Bei seinen Athleten musste Kass bisher nur kleine Wehwehchen behandeln. Hauptsächlich kümmert er sich um die deutschen Tischtennisspieler, aber auch für die medizinische Betreuung der Tennis- und Badminton-Spieler ist er verantwortlich. Schützenhilfe für die kleinen Länder gebe es jedoch auch, sagt Kass - ganz im Sinne des olympischen Gedankens. Gemeinsam mit Physiotherapeutin Annette Zischka werden die Athleten auf den Zimmern behandelt, zum Training und zum Wettkampf begleitet. Akkupunktur sei bei den Sportlern besonders beliebt, berichtet Kass.

Über ein anderes Thema macht sich der Familienvater hingegen gar keine Sorgen: das Zika-Virus. "Ich habe bisher vielleicht zwei Mücken gesehen. Es ist Winter in Rio und die Gefahr, sich zu infizieren, ist sehr gering", sagt Kass mit ruhiger Stimme. Schließlich sind es nicht seine ersten Olympischen Spiele als Arzt. Bereits in Sydney (2000), Athen (2004) und London (2012) gehörte Kass zur deutschen Delegation - und traf dabei auf große Sportler und Olympioniken.

Im olympischen Dorf in Sydney habe er neben Box-Legende Muhammad Ali gestanden, erzählt Kass: "Das war ein sehr bewegender Moment für mich." Weitere Highlights seien die Begegnung mit Schwimmer Michael Phelps bei der Essensausgabe und der Olympiasieg seiner langjährigen Patienten Jonas Reckermann und Julius Brink im Beachvolleyball gewesen (2012). Als Mediziner wäre es für Kass am Ende aber wohl das Schönste, wenn er in der letzten Olympiawoche in Rio eins nicht müsste: nämlich arbeiten.

Quelle: RP
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