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Ratingen
Spuren jüdischen Lebens in der Stadt

Ratingen: Spuren jüdischen Lebens in der Stadt
Die 1817 erbaute Synagoge an der Bechemer Straße, 30er Jahre. Um 1926 lag sie brach, da die Gemeinde mit 24 Personen zu klein geworden war. 1936 kaufte die Stadt das Synagogengrundstück, 1940 wurde abgerissen. FOTO: stadtarchiv
Ratingen. 2014 gab es die letzte "Stolperstein-Aktion" in Ratingen, als King-Gesamtschüler dafür sorgten, dass an der Bechemer Straße 2 drei Steine zum Gedenken an die Familie Levison verlegt wurden. Damit gibt es sichtbare Erinnerungsstücke an fünf jüdische Familien. Ihre Zahl aber war weitaus größer. Von Gabriele Hannen

Früher schon waren Erinnerungssteine an Bernhard und Ferdinand Waller (Oberstraße 23), Samuel, Helene und Selma Levy (Oberstraße 42 und 44), Rosa Hirsch (Freiligrathring 19) und Hieronimus, Dina und Edith Kellermann (Hans-Böckler-Straße 1) verlegt worden. Wer die Dokumentation "Menschen - Orte - Erinnerungen" liest, die das Stadtarchiv herausgegeben hat, erfährt von mehr als 70 jüdischen Einwohnern der Stadt, die bis 1944 hier zu Hause waren.

Von der Synagoge, die an der Bechemer Straße gestanden hat, gibt es nur noch ziemlich finstere Fotos. Manches Haus, in dem jüdische Bürger gelebt haben, ist abgerissen, manches neu erstanden. Das könnte demnächst wieder geschehen, wenn die Bebauung am Markt 17 bis 20 erfolgreich überarbeitet/neu gestaltet wird.

Stolpersteine für die Familie Kellermann Ecke Hans Böckler Straße / Bechemer Straße. FOTO: Blazy, Achim (abz)

Im Haus Markt 20 nämlich (neben McPaper) waren die Schwestern Emmy, Helene und Irma Kann zu Hause, die zunächst im Haus mit der Nummer 22, dann daneben ihr Putzmacher-Geschäft betrieben, also Hüte und Accessoires verkauft haben. Helene hatte zuvor als Modistin in Gelsenkirchen gearbeitet, ihre Schwester Emmy in Bochum, bevor sie 1907 nach Ratingen kamen. Offensichtlich fanden sie in der Kleinstadt ein gutes Betätigungsfeld, denn der Auszug aus dem Haus Oberstraße 22 war ihrem guten beruflichen Erfolg zuzuschreiben; immerhin gab es bereits mehrere Putzmacherinnen-Geschäfte in Ratingen, also Mitbewerber. Helene Kann hat das Haus Marktplatz 20 dann auch gekauft.

Emmy zog 1910 in die USA, nach Milwaukee, Helene führte das Geschäft weiter. Sie stellte eine Modistin und ab 1920 half ihre Schwester Irma mit. Diese ging 1927 zu Emmy in die USA. Helene Kann wurde krank und starb 1932 mit 53 Jahren in Ratingen (laut Todesanzeige in der Ratinger Zeitung). Ihr Haus Markt 20 hatte sie 1931 schon verkauft. Verwandte gibt es, genau wie bei den anderen Familien, in Ratingen keine mehr - Stolpersteine könnten jetzt nur Verantwortliche unserer Zeit verlegen lassen. Dass die Familie des Pferdehändlers Waller lange Jahre das Fachwerk-Gebäude der heutigen Suitbertusstuben bewohnt hat, ist bekannt - auch hier erinnern Stolpersteine an die ermordeten Ferdinand und Bernhard Waller. Gleich daneben, an der Oberstraße 21, hatte die Familie Hirsch einen "Haushaltungsbasar". Für sie wurden vor ihrem Wohnhaus am Freiligrathring 19 Stolpersteine verlegt. Charlotte Müller, geborene Hirsch, hatte einen protestantischen Ratinger geheiratet, lebte noch lange Jahre relativ unbehelligt hier, bis sie im Westerwald von mutigen Menschen versteckt wurde. Sie überlebte und konnte unversehrt zu ihrer Familie zurückkehren.

FOTO: Blazy, Achim (abz)

Es gibt noch Dutzende von jüdischen Ratingern, die in Konzentrationslagern umgekommen sind - etwa die Hälfte der ehemals in Ratingen gern gesehenen Mitbürger - oder der Juden, die in der Emigration verstarben. In Adresskarteien, Personenstandsregistern des Standesamts, Gestapo-Akten, internationalen Datenbanken und Gedenkbüchern haben sie ihre Spuren hinterlassen. Es stünde einer Stadt wie Ratingen sehr gut an, wenn heutige Bürger für mehr ehemalige Bürger Gedenksteine errichteten - die, die man "Stolpersteine" nennen kann.

Quelle: RP
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