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Tragödchen
Hinterm Horizont geht's weiter: Schultz gibt den Lindenberg

Ratingen. Udo Lindenberg, Bernd Schultz und Angelina Jolie haben eins gemeinsam: ihre Körpergröße von 169 Zentimeter (Schultz ein bisschen mehr). Der Panikrocker und die kinderreiche Schöne wiederum wurden beide noch nicht im Tragödchen berücksichtigt. Das widerfuhr allerdings jetzt dem Mann mit Schlapphut und Sonnenbrille, und es geschah, weil Benjamin von Stuckrad-Barre seine bulimische Drogenvergangenheit unter dem Titel "Panikherz" ausbreiten musste. Auf immerhin 564 Seiten bei Kiepenheuer und Witsch und deshalb auch bei Peter und Paula an der Grütstraße 3 bis 7 im Angebot.

Obgleich also Schultz alles von Lindenberg besitzt, was gedruckt, auf DVD oder CD gepresst wurde, ob er augenverdrehend liebwerte, 43 Jahre alte Texte memorieren kann - das Tragödchen war bislang eher Brut- und Auferstehungsstätte für Bänkelbarden deutscher Zunge.

Nun hatten sich die Musiker Steph Wipf (mit angeschlagenem Flügel, deshalb an der Trommel) und Olaf Buttler um Bernd Schultz geschart, dazu die meisterlich ausgebildeten Stimmen Susanne Cano und Noemi Schröder. Wobei erstere gepflegt die wie auch immer gearteten Texte gab und die Heimstatt Lindenbergs, das Hamburger Atlantic-Hotel, zierlich mit "Ät-län-tic" veredelte. Noemi Schröder wiederum war gab mit ihrer gepflegten Opernstimme den Schmuddelsongs von Udo eine perlende Sauberkeit. Allein beim "Säufermond" wurde sie ihm gerechter. Aber die beiden Damen hatten offenbar Spaß an den Figuren aus Buch und Songs.

Im Tragödchen-Publikum sitzen normalerweise keine wirklich Halbwüchsigen. Und deshalb war es lustig zu erleben, dass ein Teil der Applaudierenden die Lieder des Mannes aus Gronau, dort 1946 geboren, fehlerfrei mitsingen konnte, sich gleichzeitig ein anderer Teil auf Neuland bewegte. Während Mutter Ursula Schultz begeistert mitwippte, sah man Vater Bernhard Schultz kritisch dreinblicken, als sein Sohn Bernhard an frühere Erfolge auf der Geige anzuknüpfen versuchte.

Und das Buch und dessen Sinn? Es gab in den letzten Wochen eigentlich keine leichtfüßige TV-Gesprächsrunde, in der Stuckrad-Barre nicht von seinem immerhin selbst eingerührten gesundheitlichen Leid hätte plaudern dürfen. Wer sich an seine früheren Texte erinnert, der weiß, dass da manch Schönes, Bizarres und Satirisches war. Sollte das weggekokst sein? Man hat im neuen Buch viele Seiten zum Forschen.

Immerhin hat er nicht daran gespart, seine ehemaligen und aktuellen Show-Business-Götter anzubeten und mit unerschütterlichem Aufzählen von Prominenz-Namen sein eigenes soziales Plätzchen zu betonieren. Lasse er sich, bescheidener, Zeit. Bis dahin wollen wir im Tragödchen mehr Lindenberg hören - wenn Schultz ihn als Discofox tanzt oder hinter dem Horizont aufspürt, wo es bekanntlich weitergeht mit Udo. Gabriele Hannen

Quelle: RP
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