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Dirk Wermelskirchen
Straftätern eine zweite Chance geben

Dirk Wermelskirchen: Straftätern eine zweite Chance geben
Dirk Wermelskirchen war lange Jahre Jugendgerichtshelfer in der Kreisstadt. Er ist Gründungsmitglied des Vereins "Neue Wege". FOTO: Dietrich Janicki
Ratingen. "Neue Wege" - der Verein der Jugendgerichtshilfe feiert Zehnjähriges. Prävention und ein Opferfonds sind Teil des Angebots.

KREIS METTMANN Der Verein "Neue Wege" feiert das zehnjährige Bestehen. In den Städten Heiligenhaus, Mettmann, Wülfrath, und Haan werden Kinder und Jugendliche begleitet, die straffällig geworden sind. Demnächst kommt die Stadt Erkrath als neues Vereinsmitglied hinzu. Unsere Zeitung sprach mit Dirk Wermelskirchen, Vize-Vorsitzender und Gründungsmitglied bei "Neue Wege".

Der Verein Neue Wege hat sich 2007 gegründet - was war damals anders als heute?

Wermelskirchen Damals waren wir alle Einzelkämpfer, als kleine Jugendämter in den einzelnen Städten. Wir hatten wenig Geld für pädagogische Projekte. Daher fehlten solche Angebote für straffällig gewordene Jugendliche. Hinzu kam eine Vielzahl von Straftaten, vor allem in der Stadt Mettmann, wo wir es damals auch mit Bandenstrukturen zu tun hatten. Das hat uns auf allen Ebenen gefordert. Heute sind die Zahlen im Vergleich dazu rückläufig - was nicht nur mit dem demografischen Wandel zu tun hat.

Wie waren die ersten Reaktionen, als Sie von ihren Plänen erzählt haben, den Verein Neue Wege gründen zu wollen?

Wermelskirchen Oh, da gab es eine weite Spanne. Die reichte von "Toll - eine gute Idee" bis "Na ja, macht das mal, aber ihr werdet keinen Erfolg haben. Spätestens nach zwei Jahren werdet ihr scheitern." Um den Verein gründen zu können, brauchten wir die Zustimmung der Bürgermeister und Dezernentinnen der vier Gründungsstädte Mettmann, Wülfrath, Haan und Heiligenhaus. Diese Zustimmung war immer da, unser Konzept schien schlüssig zu sein. Es war ein Projekt, bei dem mehrere Städte zusammenarbeiten - das war damals etwas Besonderes und ist es heute immer noch.

Wie haben Sie Widerstände überwinden können?

Wermelskirchen Wir haben die Vereinsgründung gut vorbereitet. Wir haben alle Entscheidungswege eingehalten und viele Menschen beteiligt. Das hat uns geholfen, wobei wir uns auch bewusst waren, dass wir von dem einen oder anderen belächelt wurden. Umso stolzer sind wir, jetzt auf zehn Jahre zurückblicken zu können.

Wie steht "Neue Wege heute da?

Wermelskirchen Ich glaube, dass der Verein auf soliden Beinen steht und fest in den Städten verankert ist. Dafür haben wir immer gesorgt. Mit unseren Projekten wollen wir den Städten und der Gesellschaft auch etwas zurückgeben - sei es über unsere diversen Graffiti-Projekte, der Herrichtung des Cromberg-Parks oder der Freizeitanlage im Mettmanner Stadtwald, den Arbeiten an der Grube 7 in Haan, um nur einige Beispiele zu nennen. Wir erreichen durch unsere Arbeit 800 bis 1000 Kinder und Jugendliche und ihre Familien. Und zwar zum einen nach Straftaten, zum anderen über Projekte der Vorbeugung - wie unser Theaterprojekt, Ausstellungen und Medienkurse.

Die Gesellschaft ist härter geworden. Nicht wenige fordern, dass jugendliche Straftäter möglichst hart bestraft und nicht auch noch in Spaßmaßnahmen verzärtelt werden. Was antworten Sie auf solche Hinweise?

Wermelskirchen Manchmal gibt es das, wir erleben aber auch immer wieder das exakte Gegenteil. Immer gilt: Man muss Dinge begründen. Wir machen ja keine Spaßaktionen, sondern begleiten Kinder und Jugendliche pädagogisch. Der Erfolg gibt uns an der Stelle Recht. Wir machen eben mehr, als den Jugendlichen nach einer Straftat zum Hausmeister des Altenheims zu schicken, damit er dort seine Stunden ableistet. Wir besprechen mit dem Jugendlichen seine Tat und deren Auswirkungen. Dadurch bewirken wir oft ein Umdenken. Harte Strafen oder Wegsperren sind demgegenüber keine Lösungen für Kinder und Jugendliche, die sich ja in einer Entwicklung befinden. Dadurch würde man das Gegenteil dessen erreichen, was sich unsere Kritiker wünschen. Mit denen muss man immer wieder geduldig diskutieren.

Gibt es Fakten, die den Erfolg von Neue Wege belegen?

Wermelskirchen Gegenfrage: Wie sollten solche Zahlen aussehen? Wir erleben, dass unsere Projekte greifen und glauben, dass wir durch unsere Arbeit einen großen Beitrag dazu leisten, dass Kriminalität rückläufig ist. Allerdings kann niemand Angaben darüber machen, wie viele Straftaten durch unsere Arbeit verhindert worden sind. Und selbst wenn ein Teilnehmer aus unseren Projekten erneut auffällig wird, muss man sich das genau anschauen und nach den Ursachen fragen.

Wo soll sich der Verein in den kommenden Jahren hin entwickeln?

Wermelskirchen Wir haben zum 1. Januar 2016 den Opferfonds gegründet und damit ein ganz neues Feld für den Verein aufgemacht. Wer Opfer einer Straftat durch Jugendliche war, soll unbürokratisch Hilfe bekommen in finanzieller Art. Aktuell werden wir die Stadt Erkrath als neues Mitglied im Verein gewinnen; auch das ist eine Anerkennung unserer zehnjährigen Arbeit. Als Prävention haben wir ein Theaterprojekt gemeinsam mit der Awo gestartet. Da gehen uns die Ideen nicht aus.

DIE FRAGEN STELLTE DIRK NEUBAUER

Quelle: RP
 
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