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Deutsch-türkische Beziehungen
Zwei Fahnen über Üsames Grab

Ratingen. An einem Sonntag demonstrieren Türken für Erdogan in Köln. Am nächsten Abend ist das Grab eines türkischen Jungen in Ratingen verwüstet. Wie konnte das passieren? Ein Besuch bei der Familie. Von Helene Pawlitzki und Cenk Cigdem (Video)

Es gibt nur einen Moment, in dem Osman Yilmaz die Fassung verliert. Der muskelbepackte 30-Jährige mit dem dichten Bart legt sein Gesicht in seine Hände und sagt ein paar Sekunden nichts. Dann fängt er sich und spricht weiter. Osman Yilmaz will erzählen – eine Geschichte, die von persönlichstem Schmerz handelt. Und von einem Angriff, der ihm und seiner Familie ein paar Tage lang den Boden unter den Füßen wegzog.

Grab verwüstet und beschmiert

Am 1. August, einem Montag, geht Osmans Bruder Ali spät abends nach dem Sport noch zum Grab seines Sohnes Üsame auf dem Waldfriedhof in Ratingen. Üsame ist im März 2015 an einem Gehirntumor gestorben. Er war 14 Jahre alt. Der Vater muss am nächsten Tag geschäftlich verreisen und will deshalb vorher noch seinen Sohn besuchen – auch, wenn es schon dunkel ist.

Osman Yilmaz mit dem letzten Brief, den sein verstorbener Neffe der Familie schrieb FOTO: Helene Pawlitzki

Am Grab stellt er fest, dass die türkische Fahne am Boden liegt. Sie hatte vorher zusammen mit einer deutschen neben der schlichten Namenstafel in der Erde gesteckt. Auch die Blumen sind herausgerissen. Erst glaubt Ali, dass Wind und Regen das angerichtet haben. Dann macht er Licht mit seinem Handy. Und sieht, dass jemand etwas auf die Steinplatte vor dem Grab geschmiert hat. "Scheiß Türke" steht dort, in unregelmäßiger, hingekrakelter Schrift.

Ali ruft die Polizei an – und seinen Bruder. Er habe sofort an Solingen gedacht, sagt Osman Yilmaz. Daran, wie bei dem Brandanschlag 1993 fünf Türken im eigenen Haus umkamen. "Wenn Menschen vor dem Grab eines anderen keinen Respekt haben – was kommt dann als nächstes?" Die ganze Familie ist schockiert von dem Vorfall. Es sei, als hätte jemand das Haus angegriffen, sagt Mohammed, Osmans jüngster Bruder. Als hätte jemand ein Loch in die Wand gerissen oder Steine ins Fenster geschmissen.

Das Haus der Familie Yilmaz steht in Ratingen-Tiefenbroich. Seit 17 Jahren leben die Eltern mit ihren insgesamt vier Söhnen hier. Die Schwester wohnt mit ihrem Mann und zwei Töchtern direkt nebenan. "Die Töchter meiner Schwester und Üsame und sein Bruder – die vier waren unzertrennlich", erzählt Osman. Dass die Familie abends miteinander isst, war lange ein ehernes Gesetz. "Das war uns wichtig, da durfte keiner fehlen", sagt Osman. Doch das ist anders – seit Üsames Tod.

Dieses Foto vom verwüsteten, beschmierten Grab postete Osman Yilmaz bei Facebook. FOTO: Privat

Ein unglaublich lustiger Junge sei Üsame gewesen, sagt Osman. Aber auch jemand, der "immer auf großen Bruder macht", der jeden in Schutz nimmt, der zwischen seinen Schulfreunden vermittelt, wenn es Streit gibt. Ein selbstbewusster Junge mit Lockenkopf, ungewöhnlich groß für sein Alter. Er liebte Sport und bettelte, wie sein Vater und seine Onkel ins Fitness-Studio gehen zu dürfen. "Wir haben immer gesagt: Erst, wenn du 16 bist", erinnert sich Osman. "Aber dazu ist es nicht mehr gekommen."

Acht Monate dauerte es von der Diagnose Hirntumor bis zu Üsames Tod im März 2015. "Du bist mein bester Onkel", habe Üsame zu ihm im Krankenhaus gesagt, als die Diagnose feststand, sagt Osman. "Ich habe geheult wie ein Baby."

In diesem Moment übermannt es ihn. Er schweigt. "Diese Machtlosigkeit", sagt er dann. "Man stirbt jeden Tag ein bisschen. Alles ist sinnlos. Mein Neffe liegt im Krankenhaus und ich muss nach Hause gehen, arbeiten, Briefe öffnen, alltäglich leben." Die Krankheit des ältesten Sohnes, des Neffen, des Enkels erschüttert die Familie. Nur Üsame, sagt Osman, Üsame habe allen eine Lehre in Sachen Tapferkeit und Reife erteilt. "Wir waren alle schwach. Nur er nicht." Noch im Krankenhaus, kahl und gezeichnet von der Chemotherapie, macht Üsame lustige Videos und grüßt Freunde und Verwandte.

Seit seinem Tod, erzählt Osman, fehle öfters mal ein Familienmitglied beim gemeinsamen Abendessen. "Wir verstehen das. Es tut einfach zu weh, dass Üsames Stuhl leer bleibt." Manchmal, sagt Osman, stelle er sich vor, sein Neffe sei nur oben in seinem Zimmer. Die letzten zwei Wochen seines Lebens, als nichts mehr zu machen war, durfte er nach Hause. Üsames letzte Atemzüge erlebt Osman mit. "Selbst da wollte ich es noch nicht wahrhaben. Ich habe versucht, ihn wiederzubeleben, obwohl man das bei Palliativpatienten nicht soll." Üsame ist tot, und seine Familie entscheidet sich, ihn in Ratingen zu begraben. Ein Zeichen, dass dies ihre Heimat sei, sagt Osman. Als Hommage an ihre Wurzeln stecken sie eine deutsche und eine türkische Fahne in Üsames Grab.

Mohamed Yilmaz und sein Bruder Osman mit einem Foto von Üsame. FOTO: Helene Pawlitzki

Wer Üsame war, und wie sehr seine Familie unter seinem Verlust leidet, wusste der, der sein Grab verwüstet und beschmiert hat, vermutlich nicht. Möglicherweise hat der Täter sich über die türkische Fahne aufgeregt. Osman jedenfalls ist sicher: "Diese Tat steht im Zusammenhang mit der aktuellen Stimmung." Sein Argument ist der zeitliche Zusammenhang: Am 31. Juli demonstrieren Zehntausende Türken in Köln für Staatspräsident Erdogan und seine Regierung. Am nächsten Abend findet Ali Yilmaz das Grab seines Sohnes verwüstet vor. "Die Türkei wird derzeit in den deutschen Medien nicht gerade als Paradies dargestellt", sagt Osman. "Der Täter war dadurch vielleicht aufgeputscht und wütend." Einen anderen Grund könne er sich nicht vorstellen.

Osman ist pro-Erdogan

Auch er selbst war auf der Demo in Köln. "Als Türke ist das meine Pflicht." Zwar ist er in Deutschland geboren und bezeichnet Ratingen als seine Heimat. Doch Osman Yilmaz ist pro-Erdogan, und er macht daraus auch keinen Hehl. Den Putsch sieht er als historischen Moment in der Geschichte des Landes. "Größer, stärker, mächtiger", schreibt er auf Facebook, "das ist die neue Türkei. Ein neues Zeitalter hat begonnen... Ein Zeitalter der Freiheit und der Unabhängigkeit und alle werden wissen, dass die Märtyrer, die Freiheitskämpfer, welche am 15. Juli 2016 ihr Leben für die Demokratie in der Türkei opferten, ihr Vaterland bis zum letzten Atemzug verteidigt haben."

Dass Erdogan nach dem Putsch Tausende verhaften ließ, hält er für legitim: "Auch Angela Merkel würde doch erst mal filtern, wenn sowas in Deutschland passieren würde." Und auch wenn er persönlich aus religiösen Gründen gegen die Todesstrafe ist, versteht er die Türken, die sie bei der Demo lautstark fordern. "Der Präsident muss im Namen des Volkes handeln. Und wenn das Volk die Todesstrafe will, muss die Regierung sich das anhören."

So, wie zwei Fahnen in Üsames Grab stecken, schlagen zwei Herzen in Osmans Brust: Man merkt, dass er Ratingen liebt, dass er hier verwurzelt ist, und dass es ihn tief getroffen hat, was ausgerechnet hier mit dem Grab seines Neffen geschah. Gleichzeitig sagt er, er habe Pläne, in die Türkei zurückzugehen. "Das ist mein Traum." Wie viele Türken der zweiten oder dritten Generation habe er einen "Herzschmerz", wenn er an die Türkei denke. Außerdem glaubt er, dort bessere berufliche Chancen zu haben. Er hat in Deutschland studiert und arbeitet als Groß- und Außenhandelskaufmann. "Aber meine Chancen als Migrant auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind definitiv eingeschränkt."

Die Leute fühlten sich bedroht von ihm, das merke er seit Jahren – genauer seit 2001, seit den Anschlägen auf das World Trade Center. "Ich trage einen Bart – aus modischen Gründen", sagt Osman. "Was soll ich machen – ein anderer Mensch werden? Wenn die Leute mich misstrauisch anstarren, wenn sie die Straßenseite wechseln, tut mir das weh. Deswegen will ich zurück in die Türkei."

Bisher keine Ermittlungsergebnisse

Auch Osman sind starke politische Positionen nicht fremd. Trotzdem, sagt er: "Politik ist Geschmackssache. Und die sollte man auch auf politischer Ebene austragen." Warum jemand das Grab seines Neffen verunstaltet hat – aufgeheizte Stimmung hin oder her – versteht er nicht. Möglicherweise wird sich das auch nie klären: Es lägen keine neuen Ermittlungsergebnisse vor, sagte die Polizei auf Anfrage unserer Redaktion. Der Staatsschutz ermittelt, wie immer, wenn ein möglicher fremdenfeindlicher Hintergrund vorliegt. Doch es gibt wenige Erkenntnisse, warum jemand im abgelegenen muslimischen Teil des Ratinger Waldfriedhofs ausgerechnet Üsame Yilmaz‘ Grab verwüstet hat. Was es tatsächlich Ausländerfeindlichkeit? Türkenhass? Oder doch ein persönliches Motiv?

Auch Osman glaubt nicht, dass der Täter gefunden werden wird. Mit den Geschehnissen geht er trotzdem an die Öffentlichkeit. "Ich wollte wissen: Wie stehen andere zu dieser Tat? Wie stehen Deutsche dazu?", sagt er. Am Dienstagabend postet er bei Facebook. "Es ist absurd und unmoralisch, in Worten nicht auszudrücken!", schreibt er. "Seit heute Morgen wurde meine Familie wieder mit Tränen gezeichnet, Tränen durch Trauer und Wut. Zu früh mit 14 Jahren mussten wir [Üsame] gehen lassen. Nun stehen wir da und stellen fest, dass manche Menschen ihn nicht mal im Grab seinen Frieden und seine Ruhe finden lassen!" Jeder, der ein Gewissen habe, solle den Beitrag teilen.

Viele tun es. Osman hat über 2700 Facebook-Freunde. In den Kommentaren äußern sich Menschen mit ausländischen wie mit deutschen Namen. Alle sprechen Osman und seiner Familie Mut zu, verurteilen den Täter. Teils auch in krassen Worten: "Wir kriegen die Bastards und dann sagen du und Ali mir hoffentlich Bescheid", schreibt einer. "Jeder wird seine gerechte Strafe kriegen! Der eine früher, der andere später. Aber niemand wird vergessen!!!!!!!!", ein anderer. Und auch Osman selbst schreibt in einem Kommentar: "Wir werden schon früher oder später den oder die Täter ausfindig machen und er wird seine gerechte Strafe bekommen. Dafür stehe ich mit meinem NAMEN!"

Die meisten aber äußern sich schlicht traurig oder bestürzt. Und das hat Osman bewegt. "Die meisten haben unheimlich Anteil genommen. Viele wollten Blumen fürs Grab schicken." Es seien solche Gesten, die ihn wieder runterkommen ließen. Speziell Deutsche hätten geschrieben, dass ihnen die Tat leid tue und nicht jeder so denke wie der Täter. "Das hat uns Rückhalt gegeben. Wir wussten: Wir sind hier willkommen. Wir waren es schon immer."

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Verwüstetes türkisches Grab in Ratingen: Osman Yilmaz im Gespräch


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