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Filmemacher aus Ratingen
Viele kleine Spenden für eine Doku über ein wichtiges Thema

Ratingen. Ein spannendes Thema hat sich der Ratinger Dokumentarfilmer Hoang van-Tien für seinen ersten langen Film ausgesucht: die Hatz auf homosexuelle Männer in den 1950er Jahren in Frankfurt am Main. Finanziert wird das Projekt per Crowdfundung. Von Dirk Neubauer

Der Hinweis auf den Selbstmord eines 19-Jährigen zu Beginn der 50er-Jahre brachte den heute 36-jährigen Hoang auf das Thema. Der junge Mann sprang vom Goetheturm in den Tod. Schritt für Schritt setzte Hoang van-Tien ein Sittenbild der frühen Jahre im Nachkriegsdeutschland zusammen, an das sich heute nur noch wenige erinnern wollen. Hoang: "Eigentlich sollten alle Gesetze der Nationalsozialisten rückgängig gemacht oder außer Kraft gesetzt werden. Den berüchtigten Paragraphen 175 des Strafgesetzbuches nahm man damals jedoch davon aus. Er stammte aus dem 1872 - allerdings war die Unzucht unter Männern mit sechs Monaten Haft belegt." Die Nazis schickten enttarnte Homosexuelle in die Konzentrationslager.

Mehr noch: Als 1950 ein damals 17-Jähriger seine "Bekanntschaften" an die Polizei verriet, um selbst dem Gefängnis zu entgegen, setzte eine knapp einjährige Hatz auf Homosexuelle in Frankfurt/Main ein. Nach offiziellen Angaben, die Hoang recherchiert hat, gab es mehr als 200 Verhaftungen innerhalb zehn Monaten. Schlimmer noch als die bevorstehenden Strafen war für die Betroffenen, dass sie es plötzlich mit Ermittlern, Staatsanwälten und Richtern zu tun bekommen, die bereits unter den Nationalsozialisten an denselben Stellen Dienst getan hatten.

Finanzierung gelang per Crowdfunding

"Diese Schicksale möchte ich nachzeichnen und für die Nachwelt bewahren", sagt Hoang van-Tien. Für die Dreharbeiten an Originalschauplätzen und die umfangreichen Gespräche mit Zeitzeugen setzte er einen bestimmten Geldbetrag an. Die offiziellen Filmförderer lehnten eine Unterstützung ab. Die Filmstiftung NRW begründete dies mit dem Hinweis, dass der Dokumentarfilm ja nicht in NRW spiele. Das Pendant in Frankfurt, die HessenFilm, hatte auszusetzen, dass der Kopf des Projektes, Hoang van- Tien, nicht in Hessen lebt.

So unterstützen zahlreiche schwul-lesbische Initiativen das Filmprojekt mit kleineren Beträgen. Vor einigen Tagen gab die Homosexuellen-Selbsthilfe eine Unterstützung. Über die Internet-Plattform Startnext kam ein großer Teil der notwendigen Mittel zusammen. "Diese Möglichkeit ist noch bis zum 5. Mai freigeschaltet", wirbt Hoang. Wer sich in letzter Minute noch als Geldgeber beteiligen möchte, spendet unter www.startnext/frankfurtprozesse.

Betagte Zeitzeugen sprechen über Scham und Hetze

Im Rahmen des Christopher-Street-Days (CSD) in Frankfurt sollen die Dreharbeiten Mitte Juli beginnen. Dann wird der Regisseur und Autor auch mit den betagten Zeitzeugen sprechen.

Sie sind 70, 80 - der Älteste von ihnen ist 97 Jahre alt. Aus ihren Erzählungen entstehen die Bilder einer gnadenlosen Hatz auf Menschen mit einer anderen Sexualität. Bis heute haben viele von ihnen geschwiegen - aus Angst und manchmal auch aus Scham.

Manche von ihnen waren so verzweifelt, dass sie im Selbstmord den letzten Ausweg sahen. Erst im Jahr 1969 wurde der Paragraph 175 reformiert und erst 1994 endgültig abgeschafft.

Quelle: RP
 
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