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Postskriptum Die Woche In Unserer Stadt
Viele Schulen fahren im Alltag nur noch auf Sicht

Ratingen. Inklusion und Integration sind nicht nur zwei Stichworte. Beide bestimmen zunehmend unkalkulierbar die Arbeit.

Gut, manchmal hilft ein ausgeprägter Hang zur Selbstironie. So liest der Besucher in einem Heiligenhauser Schulleiterbüro die Postkarte mit der Sentenz: "Ich kann, weil ich will, was ich muss." Abseits solch grimmiger Fröhlichkeiten zwecks Selbstmotivation ist die Lage in Lehrer- und Klassenzimmern derzeit denkbar unlustig.

Man stelle sich - rein beispielhaft und fiktiv - einen Ratinger Gymnasialleiter vor, der sein Selbstverständnis so äußert: "Die Aufgabe unseres Gymnasiums ist es, Schüler nach zwölf Jahren und mit ordentlich bestandenem Abitur zu verabschieden." Damit hätte der fiktive Oberstudiendirektor zwar kein falsches Wort gesagt. Doch wirkt es wie ein völlig aus der Zeit gefallenes Statement. Mit etwas Bosheit könnte ihm ein anachronistisches Amtsverständnis unterstellt werden. Aber Bosheit ist hier fehl am Platz. Es hat inzwischen eine Art Gewöhnung eingesetzt: So ist es offenbar selbstverständlich, dass Gymnasien, wie in Lintorf und West, sogenannte "Seiteneinsteigerklassen" förmlich aus dem Boden stampfen. Hier wird sicher engagiert zum Nutzen vieler Schüler gearbeitet. Aber die Schulen selbst sind mit der oft kurzfristigen Organisation reichlich auf sich allein gestellt. Gleiches gilt beim Thema Inklusion. Hier sprechen Praktiker - wie an der Heiligenhauser Realschule - nach zweieinhalb Jahren Erfahrung von einem "Kraftakt".

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es gibt neue Aufgaben und solche, die schnell umgesetzt werden müssen. Eine Gegenargumentation nach dem alten Motto "Es geht nicht, weil..." verbietet sich. Man darf sehr wohl davon ausgehen, dass sich die Bemühungen der Schulen an Machbarkeit orientieren und dass sie mit gutem Willen vorangetrieben werden. Auch hierfür gibt es ein Beispiel aus Heiligenhaus. Dort haben zunehmend schwer kalkulierbare Organisationsaufgaben zu einer neuen und noch engeren Zusammenarbeit zwischen Gesamtschule, Realschule und Gymnasium geführt. Eine Idee übrigens, die im Kreise dreier Schulleiterinnen geboren wurde.

Schulen brauchen derzeit mehr als folkloristische Unterstützungsrhetorik und enge Vorgaben der Dienstaufsicht. Sie brauchen organisatorisch Ellbogenfreiheit - und das Recht, Hilfen auch verbindlich einzufordern.

Quelle: RP
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