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Hösel
Von der Sitzküche in den Lehrstuhl

Hösel: Von der Sitzküche in den Lehrstuhl
Der emeritierte Soziologie-Professor Hermann Strasser las beim Kulturkreis Hösel aus seinem Buch. FOTO: Probst
Hösel. Hermann Strasser schreibt in seiner Autobiographie über die Erschaffung seiner Welt. Lesung beim Kulturkreis Hösel. Von Gabriele Hannen

Für die erbauliche Nachtlektüre im gemütlichen Bette eignet sich das Buch nicht - wiegt es doch ein gutes Kilogramm und klappt eigenmächtig zu. Aber immer dann, wenn man sein Buch gut und sicher beim Lesen positionieren kann, kann es für den geneigten Leser mächtig erbaulich sein: "Die Erschaffung meiner Welt - Von der Sitzküche auf den Lehrstuhl" hat Professor em. Hermann Strasser, langjähriger Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie an der ehemaligen Gesamthochschule Essen/Duisburg, sein Buch genannt. Er präsentiert seinen Lesern den ausführlich dargestellten Lebensweg eines charmanten Zeitgenossen fast vom ersten Schrei in Österreich bis zum aktuellen Durchatmen in Hösel.

Auf Einladung des Kulturkreises Hösel las er jetzt im Haus Oberschlesien aus seiner Autobiografie: "Die Erschaffung meiner Welt: Von der Sitzküche auf den Lehrstuhl." Um es gleich vorweg zu verraten: Eine Sitzküche ist keinesfalls eine kastrierte Küche wie eine Sitzbadewanne eine geschrumpfte Badewanne ist. Seine Sitzküche war der Lebensraum, der familiäre Kosmos, der, hinter dem eigentlichen Gastraum in der Wirtschaft seiner Eltern gelegen, Menschen zusammenführte, glücklich machte, Wärme vermittelte und Platz zum, sagen wir mal, Tratschen bot.

Und was ein Lehrstuhl ist, weiß man hier und jetzt auch wieder. Also braucht's dazu eigentlich keine Erklärung. Doch die Welt von Hermann Strasser wird ausführlichst erklärt, war er doch nicht nur - 1941 geboren - in Österreich zu Hause, sondern tourte durch die Welt. Als Kind im Bergdorf, als Schüler im Salzburger Internat, als Student in Innsbruck (immer noch sehr beliebt bei Skifahrern). Zuhörer und Zuhörerinnen, Leserinnen und Leser dürfen ausgiebigst teilhaben an den Erlebnissen des Studenten in Berlin und New York und werden auch nicht ausgeschlossen, wenn die Zeit des Wissenschaftlichen Mitarbeiters Strasser in New York und Wien ihren literarischen Niederschlag findet, später die Zeit als Gastprofessor in Oklahoma. Und zum eigenen, erkenntnisreichen und erinnerungswürdigen Lebensweg kommen dann die historischen, politischen, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beobachtungen, die den Autor bewegen.

Er sieht es nicht als nachgeholten Geschichtsunterricht an, was ihm da als Autobiographie gelungen ist. Gesteht aber auch ein, dass er beim Schreiben immer mit den berühmten beiden Seelen in seiner Brust gekämpft hätte, die einerseits die reine Wahrheit, andererseits die liebevolle Rekonstruktion verlorener Erinnerungsstücke umgetrieben hätten. Und er verzichtet nicht auf Zitate von Mark Twain und Marcel Proust, die ähnlich gedacht haben.

Strasser hätte allerdings auf ein paar Fotos verzichten können, denn zum Beispiel das von der Adresse Forsthaus 9 aus 1978, dem Jahr seiner Übersiedlung in die Waldgemeinde, erregt mit seiner Tristesse auch jetzt noch Mitleid. Alles in allem ein aufschlussreicher und bunter Lebens-Bilderbogen eines selbstbewussten Erzählers, der - und das versichern alle seine bisherigen Zuhörer - beim Lesen und Erzählen gut zu unterhalten und zu fesseln weiß.

Quelle: RP
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