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Heiligenhaus
Wie eine Chronik zum Turm-Krimi wird

Heiligenhaus: Wie eine Chronik zum Turm-Krimi wird
Sieht ziemlich mittelalterlich aus - ist es aber nicht: Für Historiker und Archäologen bietet der alte Wehrturm an der Abtsküche Überraschungen. FOTO: A. Blazy
Heiligenhaus. 200 Seiten Spannung bietet das neue Buch über die alte Abtskücher Volksschule. Nicht nur für Historiker. Von Paul Köhnes

Eine Chronik geht doch eigentlich ganz einfach: Hinter Jahreszahlen und Daten sind Ereignisse notiert, früher manchmal in schwer leserlichen Handschriften. Doch als Helmut Grau und Sven Polkläser sich daran machten, die Geschichte der Abtskücher Volksschule zu rekonstruieren, gerieten sie von einer spannenden Überraschung an die nächste - ganz unabhängig von Jahreszahlen.

Allein um die höchst verzwickte Quellenlage zu beschreiben, braucht das Buch ein mehrseitiges Vorwort - Präzision war dem Autoren-Duo eben Herzenssache - wie schon in den beiden Vorgängerwerken zur Schulgeschichte der Region, die sie in den vergangenen Jahren vorgelegt haben.

Die Autoren Helmut Grau (l.) und Sven Polkläser. FOTO: A. Blazy

Dass die Autoren über ein Stück geschichtlichen Zeitstrahl hinaus wollen, zeigt schon der Titel ihres Buchs: "Man sucht die Schule zu morden". Das ist, wie Grau erklärt, ein Chronistenzitat und roter Faden für die Darstellung zugleich. Denn des Öfteren in ihrer von 1783 bis 1968 währenden Geschichte war die Schule Zankapfel zwischen der katholischen Gemeinde Hetterscheidt und der Kirche. Mitunter hatte das Gezerre juristische Folgen: So sah sich der Hauptlehrer Heinrich Goudron 1875 einer üblen Schmutzkampagne ausgesetzt. Anonym wurden ihm "unzüchtige Handlungen" an Schülern oder Zöglingen vorgeworfen. Der Fall wurde untersucht - dem Lehrer war nichts vorzuwerfen. Aber er sah sich im Lauf des Verfahrens einem mehr als üblen Scherz ausgesetzt: einer "Katzenmusik" mehrerer junger Leute vor seinem Haus. "Katzenmusik", das übersetzen die Autoren des Buchs als "Akt sittenrechtlicher Brandmarkung und Verspottung". Die Katzenmusikanten wurden gefasst und zu kurzen Zuchthausstrafen verurteilt. "Und der Pfarrer - selbst schwer verdächtig, die Hetzkampagne mit angezettelt zu haben"- verlor sein Amt als Schulinspektor, erläutert Grau.

Zeitsprung: Kriminalistischen Spürsinn der Autoren blitzt auch in anderen Kapiteln auf. So lösten sie mit Hilfe von topaktuellen Kartenveröffentlichungen das Rätsel um "Schloss Hetterscheidt". Mit dem etwas ernüchternden Ergebnis, dass im Abtskücher Teich eben nicht - wie es die gern erzählte Sage will - ein Schloss versunken ist. Ernüchternd auch eine weitere Klärung: Der erhaltene Wehrturm an der Abtsküche, mitten im heutigen Naherholungsgebiet nicht zu übersehen, stammt nicht aus dem Jahr 1537. Diese Jahreszahl ist auf der metallenen Wetterfahne zu lesen. Trockener Kommentar der Schulhistoriker: "Hier werden Spaziergänger betrogen." Dass sie Einzelheiten um Bau und Neubau des Turms in ihrem Buch bieten können, liegt wieder an ihrem umfassenden Ansatz: Die Schulchronik ist für sie ein Stück Regionalgeschichte. Dem verdankt der Leser auch ein kleines neues Kapitel zur Geschichte des 30-jährigen Kriegs. Grau und Polkläser stellen dar, wie schwedische Truppen - 100 Mann Fußvolk und 50 Berittene - zunächst auf der Kettwiger Brücke auf Beute ausgingen. Als dies nichts Rechtes einbrachte, zogen sie plündernd Richtung Abtsküche weiter.

Noch ein Zeitsprung: Wie lebendig die Geschichte der Abtskücher Schule ist, zeigte bereits im vergangenen Jahr der letzte Hauptlehrer der Schule, Klaus Biehler. Er hat ein "Garagenmuseum" zum Thema Abtskücher Volksschule aufgebaut. Augenzwinkernder Kommentar des weit über 80-Jährigen: "Einmal Lehrer, immer Lehrer."

Quelle: RP
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