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Ratingen
Wildwiesenwonne - mitten in der Stadt

Ratingen. Die Wildwiese an der Wallstraße, von städtischen Gärtnern angelegt, kann den sogenannten Unkräutern zu einem besseren Image verhelfen - wenn man mal genau hinsieht. Von Gabriele Hannen

Vor etlichen Jahren haben Halbedelsteine Karriere gemacht und als "Schmuckstein" oder gar "Edelstein" ein gepflegtes Zuhause bekommen. Vielleicht wird es irgendwann auch mit dem Unkraut so sein. Eine Wildwiese an der Wallstraße (nahe dem Beamtengässchen), von städtischen Gärtnern erdacht und angelegt, kann den Wiesenmargeriten, dem Salbei und den Königskerzen zu einem besseren Image verhelfen - wenn man denn mal genau hinsieht. "Beim großen Rasenstück, bei der Akelei und dem Schöllkraut von Albrecht Dürer sieht man, dass die Kunst aus so genannten Unkräutern etwas Großes machen kann", meint Alexandra König, Leiterin des Museums Ratingen.

Seit Montag dieser Woche ist der Blick erst mal getrübt, denn einer von zwei jährlichen Schnitten hat gerade stattgefunden. Auch eine Wiese mit Wildblumen sollte nicht einfach vor sich hin wuchern, sondern muss versorgt werden - wenngleich weniger intensiv als die Versailles-gleichen Anpflanzungen an den Einfallstraßen der Stadt.

Wenn man im allgemeinen Sprachgebrauch eine Pflanze als Unkraut bezeichnet, meint man damit, dass sie unerwünscht ist. Je nach Sicht des Betrachters kann auch ein bereits eingetretener, zu befürchtender wirtschaftlicher Schaden (zum Beispiel bei der Ernte) oder ein ästhetischer Grund (zum Beispiel Grashalme in der Garageneinfahrt) Auslöser für das Störungsempfinden sein. Wobei es sich sowohl um unerwünschte Wildpflanzen als auch um spontan aufwachsende Kulturpflanzen handeln kann. Der Begriff Unkraut umfasst auch Gräser, Farne, Moose oder holzige Pflanzen.

Den ganzen Liebreiz der Wiese in der Innenstadt, auf der lange die Bau- und Bürocontainer während der Errichtung der Gebäude am Ratinger Tor gestanden haben, diesen Liebreiz fängt der Name der Blumen- und Pflanzenmischung ein: "La Fleur Charme de Paris" heißt die einjährige Mischung, die je zur Hälfte aus Gräsern und Kräutern besteht. Der Heidelberger Lieferant garantiert lange Blühdauer, schnelle Etablierung auf dem Grund, eine Wuchshöhe von 60 bis 80 Zentimetern, geringen Pflegebedarf und gute Trockenheitsverträglichkeit. Nun war der Frühling schon so trocken, was dem Bewuchs ziemlich zu schaffen machte. Als das Projekt Wildwiese angedacht wurde, standen auf dem rund 900 Quadratmetern großen Grundstück noch drei Tannen und eine Eiche - alle mächtige Bäume. Der Pfingststurm im letzten Jahr legte sie um. Erhalten blieben kleine Buchsbaum-Einfriedungen der früheren Grundstücksbesitzer. Wenn man zurückblickt und die Pflanz-Ambitionen der Hippie-Generation der 1960er und 1970er Jahre betrachtet, so sieht man, dass die eher von abgelegenen, autarken Landkommunen träumte, wo das Brot aus selbst angebautem Getreide gebacken und Pullover mit der Wolle eigener Schafe gestrickt werden sollten. Doch es gibt heute die in Ratingen offenbar noch nicht auffällig gewordenen Guerilla-Gärtner, die Lebensraum in den Hochhausschluchten oder Industriegebieten der Metropolen erobern wollen. Auf Grünstreifen zwischen mehrspurigen Straßen pflanzen sie Kohlköpfe und Möhren an. In Ratingen leistet die Stadt mit ihrer Wildwiese erst mal Vorschub.

Wildkräuter brauchen mageren Boden - den richteten in einem Bereich, der nur noch aus Kies bestand, zwei Auszubildende des Amtes für Kommunale Dienste im letzten Herbst her. Herbert Müller, Gärtnermeister, berichtet, dass sie die Fläche geräumt, gefräst, eingesät und befestigt haben. Und als die Sonne wärmte, wuchs und blühte es. Nun sind die Pflanzen erst einmal gemäht und können Scharfgarbe und Kümmel, Labkraut und Mohn, Spitzwegerich, Salbei und der kleine Wiesenknopf - alles, was von achillea millefolium bis tragopogon pratensis in der Tüte war, - schon mal die Samen aus den Blüten entleeren.

Dann dürfen die Pflanzen wieder wachsen bis Ende Oktober, wenn der nächste Schnitt ansteht.

Quelle: RP
 
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