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An(ge)dacht
Zur Idylle erstarrt

Ratingen. Ganz gewiss kennen Sie alle aus Kindertagen das Märchen von Dornröschen, wie es uns die Gebrüder Grimm aufgeschrieben haben. Einem Königspaar wird eine Tochter geboren. Der König veranstaltet ein großes Fest, zu dem er alle einlädt, die Rang und Namen haben in seinem Reich, auch weise Zauberinnen. Sie sollen dem Kind zu Glück und Erfolg verhelfen. 13 Zauberinnen gibt es im Königreich, aber nur zwölf goldene Teller. So wird eine der Frauen nicht eingeladen. Natürlich kommt sie doch und verwünscht das Königskind: Es wird sich in den Finger stechen und 100 Jahre schlafen. Genauso geschieht es. Nach 100 Jahren kommt ein junger Mann in das Schloss. Er geht staunend durch die Zimmer und öffnet eine Türe, sieht Dornröschen, küsst es und es erwacht.

Dieses Märchen von Dornröschen fällt mir ein, wenn ich an das Evangelium der Weihnacht denke. Da steht der Bericht von der Geburt des Gottessohnes vor unser aller Augen, wie das verwunschene Königsschloss vor den Augen des Prinzen. Ist es nicht so, dass wir dieses Evangelium betrachten wie eine kleine Kostbarkeit, die man zur rechten Zeit hervorkramt, von allen Seiten betrachtet, um sie dann wieder in den Schrank zu legen? Ist dieser Bericht von der Geburt des Jesuskindes nicht merkwürdig anrührend und kostbar, aber irgendwie unwirklich, wie ein Bernstein, der ein Insekt umschließt?

Das spricht vom Leben, aber lebt doch nicht selbst. Erzählt eine Geschichte, die mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat: Verschwundene Zeiten. Ist nicht das Bild von Jesus zur Idylle erstarrt? Wenn dem so ist, wäre dies eine wichtige Aufgabe: Das Gotteskind zu erlösen aus seinem Dornröschenschlaf, in den ihn Missverständnisse und Geschmacklosigkeiten haben fallen lassen. Das geschieht zum Beispiel hier: Im Verzicht auf Rechthaberei und Großmannssucht, im guten Wort, der helfenden Tat, im Wunsch, der Gewaltlosigkeit und Freundlichkeit zu ihrem Recht zu verhelfen. Denn Jesus selbst war freundlich, liebte den Gesang und sein Leben, lud Arme zu sich und hatte die Gewohnheit, Gott mehr zu trauen als jedem anderen.

ULRICH KERN, PFARRER VON HEILIG GEIST

Quelle: RP
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