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Ratingen
Zwei Röhren rocken im Stadttheater

Ratingen. Erst Anne Haigis, dann Ulla Meinecke: Toller Auftritt und viel Organisation. Von Gabriele Hannen

Zwei kindsgroße Silberleuchter rechts und links, dazwischen eine üppig gelockte Frau. Aber es war nicht Sissi - es war Anne, Anne Haigis, die Anfang der 1980er Jahre mit deutsch- und englischsprachigen Liedern ihre kommerziell erfolgreichste Zeit hatte. Gottlob hat sie das Singen nicht drangegeben, sonst wäre ein begeistertes Ratinger Publikum nicht so entfesselt zum Jubeln gekommen. Und die zweite große Sängerin dieser Zeit - Ulla Meinecke - bestritt einen weiteren Teil der ladies' night. Sie hatte rechts und links von sich keine Armleuchter, sondern ihre bewährten Begleit-Musiker.

Beide Rock-Größen hatten Ratingen schon mal ihre Aufwartung gemacht. Auch mit Erfolg. Nun war es Frank Stamm, der für die Stadt seit Jahren das Kulturprogramm zusammenzimmert, in den Sinn gekommen, die beiden Ü60-Stimmen zu einem prachtvollen Abend zusammen zu bringen. Sie sangen nicht miteinander - was beim jeweiligen Schnittmuster auch nicht so richtig hätte klappen müssen - sie sangen nacheinander.

Erst Haigis, dann Meinecke. Die hatte im Stau gestanden, was auch einem wohlwollenden Veranstalter Schnappatmung (nur leicht) bereiten kann: klappt der Soundcheck noch (ok, ein bisschen knapp), wollen die Künstler noch was essen (natürlich, Pizza vom Bringdienst). All das waren Fragen, die bei der ersten Kontaktaufnahme im letzten Frühjahr natürlich nicht zur Sprache gekommen sind. Da ging es um ganz andere Sachen. Nachdem Kulturamtsleiterin Andrea Töpfer mit wohlgesetzten Worten und wilder Bluse den Gästen eine Begrüßung gewidmet hatte, umfing Haigis, anmutig zwischen den Leuchtern und nicht weit von ihrer musikalischen Begleitung Ina Boo sitzend, ihr Publikum mit warmherziger Moderation und liebevollen Anekdoten aus einem langen Sängerinnenleben - beim Singen beließ sie es dann nicht allein bei den warmen Passagen - sie röhrte kräftig drauflos, rührte mit Songs wie dem von Elton John für Trude Herr übersetzten "Nacht aus Glas" die gut 600 Zuschauer (mehr Frauen als Männer, mehr textsichere als stumme) fast zu Tränen und ließ sie ihre Knicklichter schwenken. Sie konnte ungestraft ein Heintje-Lied bringen und "Waltzing matilda", die australische Nationalschnulze, Tom Waits zuschreiben. Man stand auf und klatschte.

Meinecke, sparsam im Takt, hart ausgeleuchtet und auch bei ellenlangen Passagen textkundig, war nun weniger gefühlig. Warum sie aber auf jungen Leuten mit Smartphones, die dann auch noch lange schlafen, so omamäßig rumhackte, blieb im Dunkeln. Immerhin hatte sie zu ihrer Zeit Udo Lindeberg in Händen, einen coolen Hut im Nacken und war gewiss nicht täglich um acht Uhr aufgestanden. Natürlich sang sie "Die Tänzerin" und einiges aus alten Zeiten, was bei den Fans sehr gut ankam. Sie plauderte nicht lieb, sie schleuderte den Zuhörern Poesie, auch die harte, um die Ohren. Und das bis nach elf Uhr. Genau so hatte es sich Frank Stamm gewünscht.

Quelle: RP
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