| 00.00 Uhr

Remscheid
Als die Heimat noch in den Tropen lag

Remscheid: Als die Heimat noch in den Tropen lag
Alexandra Clauberg hat am Ufer der Wupper Platz genommen, das bergische Wahrzeichen im Hintergrund. Auf ihren Führungen erzählt sie nicht nur etwas über Kotten, das Schleiferhandwerk, sondern auch Interessantes über Vegetation und Böden. FOTO: Stephan Köhlen
Remscheid. Die "Wupper-Tells" erwandern mit ihren Gruppen das Gebiet um den Brückenpark Müngsten und gehen dabei Millionen Jahre zurück. Von Fred Lothar Melchior

Eine Führung von Burg nach Müngsten und retour? Die muss zwangsläufig in die Binsen gehen, weiß Alexandra Clauberg. Und trotzdem bietet sie am kommenden Mittwoch, 26. April, eine zweieinhalbstündige Wanderung an: "Wälder, Wupper, Wackersteine" heißt die Veranstaltung der Wupper-Tells. Und zum Wald an den Wupperhängen gehören eben die Hainsimsen, eine Binsenart, die in einem Atemzug mit den Buchen genannt wird.

Eine typische Stelle, wo sich Rotbuche und Weiße Hainsimse am Wegrand betrachten lassen, liegt direkt am Anstieg hinter Müngsten mit Blick auf den Brückenpark. Hier spricht Alexandra Clauberg nicht nur über die Vegetation, sondern auch über die geologische Entwicklungsgeschichte. "An den steilen Felshängen kann man sehr schön die Schichtung, Schieferung und Verwitterung des Gesteins zeigen", sagt die Diplom-Geografin, die als Hauptnebenfächer Geologie und Bodenkunde studierte.

"Eine Schieferung entsteht, wenn der Sandstein mit ganz hohem Druck verformt wird", erklärt die 54-Jährige. "Das geht nur bei Ton." Schiefer von den Wupperhängen findet sich aber an keiner bergischen Fassade. "Das Material ist zu sandig", weiß Alexandra Clauberg. "Der Schiefer für die Häuser kommt aus dem Siegerland." Trotzdem lohnt es sich, genau hinzusehen, um vielleicht eine Versteinerung zu finden. Clauberg hat auf ihren geführten Wanderungen Fossilien im Rucksack, die sie im Brückenpark gefunden hat: Abdrücke von Seelilien-Stengeln. Denn die Wupper-Wanderer gehen sozusagen über Meeresgrund. Was sich am Boden des tropischen Flachmeers ansammelte, ist rund 380 Millionen Jahre alt.

"Das sind alles Ablagerungen", sagt die Geografin und zeigt auf die Felsen. "Das devonische Grundgebirge ist mehr als sechs Kilometer dick." Wen interessiert so etwas außer Experten? "Leute, die heimatverbunden sind und noch mehr über die Region erfahren möchten", antwortet Alexandra Clauberg. "Viele der Teilnehmer kommen aus den drei bergischen Großstädten. Bei Führungen am Mittwoch sind neben anderen häufig auch Rentner und Pensionäre dabei."

Die interessieren sich nicht nur für die Wälder und die Wackersteine, sondern auch für die Wupper. An ihren Ufern gibt es zum einen Anschauungsunterricht über eingewanderte Pflanzen wie das Indische Springkraut und den Japanischen Knöterich ("man hat gedacht, er könnte als Tierfutter dienen"). Zum anderen widmet sich Alexandra Clauberg der Wasserkraft: "Über die Kotten und das Schleiferhandwerk erzähle ich sehr viel." Weil von den alten Doppelkotten meistens aber nur die Gräben übrig geblieben sind, nur vom Wiesenkotten steht noch ein Gebäude, bringt sie auch zu diesem Thema Material wie Fotos und Karten mit.

Der eine oder andere Wanderer kauft sich dann zur Erinnerung ein Zöppken bei der Lebenshilfe an der Wupperfähre. "Seit 1312 gibt es Kotten und Schleifer an der Wupper", berichtet Clauberg. "Das Erz war da. Schmelzen, schmieden, schleifen das sind die drei charakteristischen Tätigkeiten fürs Bergische Land." Vor einigen Jahren hatte sie das Glück, bei einer Wupper-Tell-Führung auch einen Holzkohle-Meiler zeigen zu können.

Der Meiler ist abgebaut, aber dafür gibt es andere Sehenswürdigkeiten etwa die Objekte und Fabelwesen des Leichlinger Künstlers Berthold Welter. Oder die Stahlplatten mit Rätseln in der Nähe von Haus Müngsten. "Daheim hat man es nicht", fängt Rätsel Nr. 3 an. "Aber fern von zu Hause ist es schlimmer als Durst." Alexandra Clauberg kennt die Antwort. "Ich habe zwölf Jahre lang in Köln gewohnt, aber das ist mir einfach zu überlaufen." Die gebürtige Solingerin wuchs in der Hofschaft Obenhöhscheid auf mit Häusern, die bis zu 200 Jahre alt sind, und netten Nachbarn. "Jeder hatte Nutz- und Haustiere."

"Bei vielen Menschen kommt das Heimatgefühl, glaube ich, wenn sie etwas älter werden", kommentiert das Mitglied der Wupper-Tells und des Bergischen Geschichtsvereins. "Beim Geschichtsverein nehme ich selbst gerne an Führungen teil. Die Umgebung von Solingen finde ich unheimlich schön. Schloss Burg ist eines meiner Lieblingsziele."

Die Wupper-Tells bieten neben "Wälder, Wupper, Wackersteine" noch mehrere öffentliche Führungen in diesem Jahr an (siehe Kasten). Sie lassen sich aber auch gerne zu privaten Veranstaltungen engagieren. "Wir haben beispielsweise schon Anfragen zu Kindergeburtstagen und einer Führung mit geistig Behinderten", erklärt Alexandra Clauberg. Der Rundwanderweg "Baum- und Walderleben" (auf Remscheider Seite) und der Brückenpark selbst eignen sich auch für Blinde und Sehbehinderte. Denn in die Binsen geht es im Park nur noch im wörtlichen Sinn. "Ich kann mich erinnern, wie schrecklich es in den 70er Jahren hier war", sagt Clauberg. "Heute kann ich mir nicht vorstellen, noch einmal aus dem Bergischen Land wegzuziehen."

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Remscheid: Als die Heimat noch in den Tropen lag


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.