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Remscheid
Anselm Grün hält charismatischen Vortrag

Remscheid. Der bekannte Benediktiner-Mönch sprach vor gut 300 Zuhörern in der Lutherkirche über die psychologischen Aspekte der kirchlichen Feste. Es war der katholische Beitrag zur Festwoche des Evangelische Kirchenkreises Lennep. Von Wolfgang Weitzdörfer

Gut 300 Besucher waren in die evangelische Lutherkirche gekommen, um einem Vortrag des Buchautors und Benediktiner-Mönchs Anselm Grün zur "therapeutischen Bedeutung des Kirchenjahres" zu hören. Der Vortrag war Teil der Septembergespräche der katholischen Gemeinde Remscheid. Gleichzeitig war es der katholische Beitrag zur Festwoche des Evangelischen Kirchenkreises Lennep. Doch bis es endlich losging, musste sich das Auditorium noch ein wenig länger gedulden, denn Grün steckte - wie könnte es anders sein - im Stau auf der Autobahn. Überbrückt wurde die knappe halbe Stunde Wartezeit indes durchaus stimmungsvoll mit einigen Taizé-Gesängen, die spontan und vielstimmig unter der Leitung der Kirchenmusiker Jörg-Maria Kirschnereit und Ruth Forsbach gesungen wurden.

Das Warten hatte sich indes gelohnt. Denn auch wenn Grün mittlerweile schon 72 Jahre alt ist - als er in seinem schwarzen Talar das Rednerpult betrat und mit seiner angenehm warmen Stimme in seinen Vortrag einstieg, hingen die Zuhörer sofort an seinen Lippen.

Grün sagte, dass die Feste im Kirchenjahr nicht nur fromme Tradition seien, sondern, und er zitierte dazu den Psychologen Carl Gustav Jung, auf den er sich immer wieder bezog: "Das Kirchenjahr ist ein therapeutisches System, denn die Kirchenfeste geben Bilder, die sowohl die Gefährdung als auch die Heilung der Seele betreffen." Der 72-Jährige machte das anhand einiger Beispiele aus dem liturgischen Festjahr deutlich. Da war etwa der Advent, gleichzeitig sowohl in der katholischen als auch evangelischen Kirche der Beginn des Kirchenjahres.

"Im Warten wird unserer Sehnsucht Raum gegeben. Denn Sehnsucht gehört zur Ganzheit des Menschen", sagte Grün. Psychologisch betrachtet sei die Sehnsucht zudem die Heilung der Sucht, denn Sucht sei umgekehrt die Verdrängung der Sehnsucht: "Das ist das Heilende des Advents: Unsere Süchte anzuschauen und wieder in Sehnsucht zu verwandeln", sagte Grün.

Ein anderes Beispiel, das er in seinem kurzweiligen und knapp einstündigen Vortrag brachte, war die Fastenzeit. Die sei bei allen Schwierigkeiten, die sie manchen Menschen bereitete, letztlich ein Training für innere Freiheit: "Sigmund Freud hat gesagt: 'Wer nicht verzichten kann, wird nie ein starkes Ich entwickeln.' Die Fastenzeit ist auch eine Zeit der geistigen und körperlichen Reinigung", sagte Grün. Er erzählte von einer Übung, die er in seinen Kursen oft anbiete: "Es geht darum, eine Woche lang nicht über Andere zu reden. Das macht etwas mit einem." Auch die Passion Christi am Karfreitag sei psychologisch betrachtet gut für die Gesellschaft: "Denn die Welt wird immer unempfindlicher gegenüber dem Leiden. Daher ist das Andenken an die Passion auch wichtig. Unsere Gesellschaft wird immer brutaler, wenn das Leiden verdrängt wird."

Der Abend mit Anselm Grün bot zum einen eine interessante, bisweilen amüsant dargebotene Reise durch das Kirchenjahr. Auf der anderen Seite war es faszinierend eine psychologische Deutung der für Viele oft einfach zu abstrakten und vermeintlich fern der Realität angesiedelten Kirchenfeste zu hören.

Quelle: RP
 
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