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Remscheid
Arbeiten im Abenteuerland der Bücher

Remscheid: Arbeiten im Abenteuerland der Bücher
Ulla Schulz, Leiterin der Kinder- und Jugendbücherei. Foto: Christian Peiseler FOTO: Peiseler Christian
Remscheid. Ulla Schulz, Leiterin der Kinder- und Jugendbibliothek, geht nach mehr als 41 Jahren Lesespaß mit der Jugend in Rente. Von Christian Peiseler

Und Genoveva sagte, morgen lese ich weiter ... Morgen erst? Auf Morgen wollte sich Ulla Schulz als kleines Mädchen nicht von ihrem älteren Bruder vertrösten lassen. Sie erforschte die Welt der Buchstaben auf eigene Weise. Auch gegen den Widerstand der Eltern, die es erst nicht gerne sahen, dass ihre Tochter schon vorm Eintritt in die Volksschule des Lesens mächtig war.

Doch gegen die Neugierde der Tochter waren keine Ermahnungen gewachsen. Mit sechs Jahren stand ihr die Welt der Bücher offen. Mit acht Jahren erhielt sie ihren ersten Büchereiausweis. Ein Ausweis, der so etwas wie ein zweiter Personalausweis in ihrem Leben als Bibliothekarin ist. Am 23. Dezember hat Ulla Schulz (63) ihren letzten Arbeitstag. Mehr als 41 Jahre arbeitete sie in der Zentralbibliothek an der Scharffsttraße. Die meiste Zeit für Kinder und Jugendliche.

Das schönste Kompliment für sie ist immer, wenn ein Kind ein Buch freudestrahlend zurückbringt und sagt: "Das hat mir gut gefallen." Ulla Schulz gehört nicht zu den Büchermenschen, die meinen, sie müssten die ganze Welt mit ihrem Geschmack beglücken. Beim Stichwort "pädagogisch wertvolle Bücher" schüttelt sie den Kopf. "Mir ist eigentlich egal, was die Kinder lesen. Hauptsache sie lesen", sagt sie. Und sie suchen sich ihre Lektüre selber aus. Indem sie stöbern, um Rat fragen, ausprobieren. "Viele Kinder sind heute so angepasst", bedauert Schulz. Dabei ist die Lektüre gerade das beste Mittel, sich gegen den Mainstream zu behaupten und seine eigenen Fantasiewelten und Ansichten zu entwickeln. Schulz will aber nicht über die Jugend klagen. Eine gute Geschichte erreiche immer noch das Herz der Kinder, auch wenn es bei dem einen oder anderen etwas länger dauere.

Als sie in Remscheid als junge Bibliothekarin 1976 anfing, da erschienen pro Jahr 2000 bis 3000 Bücher. Davon konnte sie 600 bis 800 kaufen. Mittlerweile erscheinen 5.000 bis 6.000 Kinder- und Jugendbücher pro Jahr, davon kann sie nur noch 300 bis 400 kaufen. Das Berufsleben von Ulla Schulz zeigt auch, wie die Förderung der Kulturinstitute in Remscheid nachgelassen hat, obwohl alle ein Loblied auf die Bildung singen.

Als Bibliothekarin lebt Ulla Schulz auf der Höhe der Zeit. Moden wie Fantasy, Mystery oder Cross-over-Geschichten hat sie begleitet, aber die Klassiker nie vergessen. Am Wochenende stapelten sich die Neuerscheinungen bei ihr auf dem Wohnzimmertisch. Sie mag keine Autoren, die in Klischees erzählen. Sie legt wert auf eine "gepflegte Sprache". Die Story ist wichtig. Aber wie sie erzählt wird, ist mindestens genauso wichtig. Ulla Schulz freut sich auf die Rente. Sie hat dann viel Zeit für ihre Hobbies: Sie singt in drei Chören, übernimmt die Kasse im sauerländischen Gebirgsverein und tritt weiter als Vorleserin auf.

Als ihre Großmutter hörte, ihre Enkelin wollte keine Lehrerin werden wie die meisten Mitglieder in ihrer Familie, sondern Bibliothekarin, fragte sie die Mutter: "Ist das nicht ein sozialer Abstieg?" Daraufhin habe die Mutter geantwortet: "Lieber eine glückliche Bibliothekarin als eine maulige Lehrerin." Ulla Schulz Mutter hat recht behalten.

Quelle: RP
 
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