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Remscheid
Auf der Suche nach den Wurzeln

Remscheid: Auf der Suche nach den Wurzeln
Foto: Tim Brüning FOTO: Tim Brüning
Remscheid. Die interkulturelle Lese- und Musikreihe in der Zentralbibliothek ging am Donnerstagabend in die neunte Runde. Diesmal war der Kölner Autor Selim Özdogan zu Gast, der den etwa 30 erschienen Zuhörern im Foyer der Bibliothek einige Passagen aus seinem Buch "Wieso Heimat, ich wohne zur Miete" vorlas. Von Wolfgang Weitzdörfer

Für die musikalische Untermalung des Abends war gesorgt, wenngleich das ursprünglich angekündigte Gitarren- und E-Piano-Duo Dennis und Michael Nguyen nicht auftreten konnte.

Die Veranstalter hatten sich aber der Unterstützung von zwei Vierteln der bekannten bergischen Folklore-Band "Four Fiddlers" versichern können. Daniel Marsch und Ariane Böker spielten auf Geigen sowie Akkordeon und Flöte frisch von der Leber weg fröhliche Lieder, die sich gut mit der humorvollen Lesung Özdogans vereinten. Auch wenn dem Autor nach den einleitenden Klängen die Überleitung zu seinem Buch und der Lesung etwas schwerfiel: "Es kommen weder schwedische Geigen, noch irische Kinderlieder drin vor", sagte er in Anspielung auf die gehörten Lieder.

In der Lesung ging es um die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Türken, die auf herrliche, teils absurde, teils tragikomisch, Weise in "Wieso Heimat, ich wohne zur Miete" porträtiert wurden. Im Buch geht es um Krishna Mustafa, einen jungen Deutschtürken - Vater: Türke, Mutter: Deutsche mit Faible für Indien, daher der seltsame Vorname -, der von seiner Freundin Laura verlassen wurde, weil er sich seiner Identität noch nicht versichert habe. Der Ich-Erzähler, eigentlich in einer WG in Freiburg beheimatet, beschließt daraufhin, seinen türkischen Vater in Istanbul zu besuchen und dort für eine Zeitlang zu leben. Das Zimmer tauscht er mit seinem türkischen Cousin Emre, der seinerseits ins Breisgau zieht. Für Krishna Mustafa begann so eine Reise zu seinen eigenen Wurzeln.

Der Autor schaffte es, neben den gut ausgewählten Passagen, in denen es etwa um den ersten Abend des jungen Krishna Mustafas in Istanbul oder um Diskussionen mit Verkäufern über Weihnachtsbeleuchtung im August und die damit einhergehende Frage, wann einen der Brauch zum Christ oder Moslem machte, ging, auch eigene Erlebnisse mit Integration, Kulturunterschieden und dem Anderssein im Alltag einzubringen.

So erzählte er etwa davon, dass er immer wieder Komplimente für seine Deutschkenntnisse bekäme: "Ich würde dann gerne sagen, dass ich 46 Jahre alt bin und seit etwa 44 Jahren Deutsch spreche. Und dass ich wohl ein Volltrottel wäre, wenn ich die Sprache dann immer noch nicht beherrschen würde", sagte Özdogan. Was er indes wirklich sagte, sei dies: "Das tun wir alle. Denn ich bin ja höflich."

Genauso gehe es ihm, wenn er mit seinen Kindern in der Öffentlichkeit Türkisch spreche: "Dann bekomme ich sehr oft gesagt: Das hört sich aber nicht so an." Immer wenn er diesen Satz zu hören bekomme, bröckele in ihm ein wenig der Glaube an die Integration weg: "Die Leute meinen doch wirklich: So sehen Sie gar nicht aus oder Das hätte ich jetzt nicht gedacht. Frei nach dem Motto: Ich weiß, dass ich integriert bin. Aber wissen die anderen das auch?", witzelte der Autor ein wenig bitter.

Unabhängig von solchen leicht problematisch eingefärbten Zwischentönen, die aufzeigten, dass Wunsch und Wirklichkeit in Sachen Integration und kultureller Vielfalt im Alltag immer noch auseinanderklaffen, war die Lesung sehr lustig - das Publikum konnte sich über die geschilderten Absurditäten köstlich amüsieren.

Quelle: RP
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