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Remscheid
Beethoven nimmt ICE-Geschwindigkeit auf

Remscheid. Das "Graffiti-Classics-Quartett" spielte im Teo Otto Theater ein überragendes "Meisterkonzert". Von Bernd Geisler

Zwei Frauen und zwei Männer, zwei Geigen, eine Bratsche und ein Kontrabass. Das reicht, um fulminant und formidabel Musik zu machen: satt und voll, gierig und zickig, mal laut, mal leise, mal in Bewegung, mal im Beinahe-Stillstand. Beethovens Fünfte etwa rast mit der Dynamik eines ICE über die Bühne - mit gleicher Wucht und Rasanz, aber ohne Verspätung.

Die Schwedin Sofia Eklund und die Japanerin Akiko Ishikawa spielen Violine, der Engländer Sam Kennedy bearbeitet seine Viola und der Ire Carl O'Doole (auf irisch: Cathal O'Duill) zerrt an den Saiten seines Kontrabasses. Aber nicht an den Nerven der Besucher im Teo Otto Theater. Sie spielen nicht nur im Stehen. Sie spielen im Sitzen, im Liegen, im Rennen und beim Tanzen. Sie wechseln die Position fliegend, behalten den Rhythmus bei und kommen nicht aus dem Takt. Das Quartett nennt sich "Graffiti Classics" - frei übersetzt: "hingesprühte Klassiker". Vielleicht meint diese Bezeichnung auch das, was die vier Musiker (hervor)sprühen: bekannte "klassische Melodien" von Oper und Konzert über Traditionelles bis Pop. Natürlich singen sie auch - mit und ohne Instrumente. Graffitis sind mit der Spraydose gesprühte grafische Objekte ("Graffitis"). Zuweilen zieren sie das, was dem Sprayer gerade vor die Düse gekommen ist.

Ähnlich sprühen "Graffiti Classics" ihre Musik ohne Respekt vor Komponist und dessen Tonkunst ins Volk: Sie "sprühen" vor Begeisterung, nehmen das Publikum mit und lassen auch nicht locker. Für sie eine schweißtreibende Angelegenheit. Sie sind immer in Bewegung, Slapstick- und Comedy-Elementen tauchen unerwartet auf. Bei manchen Nummern lachen sich die Besucher schlapp. Wenn etwa das komische Enfant terrible Cathal O'Duill sich während Maurice Ravels "Bolero" wie die anderen aus der liegenden Position mit seinem Instrument hinstellen möchte: Mit einem Kontrabass ist das ein schwieriges Unterfangen. Cathal muss die merkwürdigsten Verrenkungen durchführen, um es seinen Mitspielern gleich zu tun, ohne seine Töne zu verlieren. Oder wenn er und Sam Kennedy sich im Gesangswettstreit messen: Sam singt "O sole mio" und Cathal hält dagegen mit Elvis' "It's Now or Never". Die beiden Geigen schluchzen selbstredend hingerissen mit und können sich nicht für eine Seite entscheiden. Cathal agiert auch mit den (zu wenigen) Leuten im Saal. Sie sollen mitmachen. Also springt er auf einer virtuellen Tastatur auf dem Boden herum und singt den entsprechenden Ton. Das Publikum muss mitsingen und hat es irgendwann begriffen: Der Anfang von Mozarts "Kleine Nachtmusik" ertönt. Eine für alle lustige Überraschung. So geht's in einem fort. Vier Stimmen und 16 Saiten unterhalten das Publikum glänzend. Ein erfrischender musikalischer Abend.

Quelle: RP
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