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Remscheid
Bürokratismus messerscharf analysiert

Remscheid: Bürokratismus messerscharf analysiert
Überzeichnungswut wie bei Theaterinszenierungen, wo das "Bühnenbild schlimmer aussieht als Leverkusen", entlarvt der Grimme-Preisträger. FOTO: wengenroth
Remscheid. Moritz Netenjakob ist nicht nur ein brillanter Gag-Schreiber, Drehbuchautor und Bestseller-Autor, sondern ebenso ein begnadeter Solo-Künstler. Seine genialen Texte bringt er in einer zum Brüllen komischen Performance unters Volk und ist fraglos einer der besten Parodisten, die das Land derzeit zu bieten hat. Von Stefanie Bona

Denn nicht nur wie er Schwergewicht Reiner Calmund, die Kanzlerin, den knödelnden Herbert Grönemeyer oder den Beamten-Typus eines Jochen Busse auf die Bühne bringt, kommt den Originalen sehr nahe.

Auch was er den Promis aus Politik, Sport und Show so in den Mund legt, zeugt vom spitzzüngigen, hintergründigen Humor des Kabarettprofis. "Die Bibel ist sooo schlecht geschrieben", lässt Marcel Reich-Ranicki bei Gott im Himmel verlauten und jeder im Publikum denkt sich: Genau so wird der Literaturpapst in der Ewigkeit wohl auftreten.

So sorgte der Grimme-Preisträger auch bei seinem Auftritt in der Lenneper Klosterkirche für ungebremste Heiterkeit. Dabei sind die besten Geschichten sowieso die, die das Leben schreibt. Netenjakob hat ein Talent, gesellschaftliche Strömungen, überbordenden Bürokratismus oder auch mal langweiligen Ehealltag derart messerscharf und mit Witz zu analysieren, dass sich der Zuhörer vergnügt auf die Schenkel schlägt.

Köstlich entlarvt er die provokante Überzeichnungswut moderner Theaterinszenierungen, wo das "Bühnenbild schlimmer aussieht als Leverkusen" und die Erinnerung an die "ironische Brechung der Julia-Figur" sich auf die Werbung von Süffels-Kölsch im Programmheft und die sauber gekachelten Sanitäranlagen im Theater beschränkt. Und wenn er von dem Mitarbeiter im Service-Center der Deutschen Post berichtet, der mit dem behäbigen Tempo einer Dampflok auf Kundenfragen eingeht, stellt man erstaunt fest: "Den kenn` ich auch." Selbst Kalauer wie das im Pep Guardiola-Italo-Deutsch dahin geworfene "Bayern München wird verteidigt von die Profis, Deutsche-land von der Leyen", geraten da zum Brüller.

Netenjakob bewegt sich in seinem aktuellen Programm "Mit Kant-Zitaten zum Orgasmus" auch immer mal unter der Gürtellinie. Das wirkt aber nicht platt oder nervend wie bei anderen Vertretern der deutschen Comedyszene. Denn eigentlich greift er nur das auf, was sich die Gesellschaft, die Werbung und die Unterhaltungsbranche ohnehin selbst auferlegt haben. Denn die haben längst alle Hüllen fallen gelassen, unabhängig, ob dabei der gute Geschmack überschritten wird oder nicht.

Chapeau für ein intelligentes, höchst unterhaltsames Kabarettprogramm.

Quelle: RP
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