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Georg Wulf
"Das Bergische hat einen Wasserschatz"

Georg Wulf: "Das Bergische hat einen Wasserschatz"
Aus der Großen Dhünn-Talsperre beziehen viele Menschen im Bergischen ihr Trinkwasser. FOTO: Stuttgarter Luftbild Elsäßer GmbH
Remscheid. Der Chef des Wupperverbandes erzählt davon, warum es im Bergischen Land so viele Talsperren gibt.

Herr Wulf, wie viele Talsperren gibt es im Bergischen Land?

Wulf Das Bergische Land umfasst ein recht großes Gebiet - vom Kreis Mettmann über das Städtedreieck Wuppertal, Solingen, Remscheid bis hin zum Rheinisch-Bergischen und Oberbergischen Kreis. Auch Teile des Rhein-Sieg-Kreises gehören noch dazu. In diesem gesamten Gebiet gibt es 22 Talsperren. Im Wuppergebiet, das ist das Flusseinzugsgebiet, das vom Wupperverband betreut wird, gibt es 16 Talsperren: Die private Diepen-Talsperre, die Sengbachtalsperre der Stadtwerke Solingen und die 14 Talsperren, die der Wupperverband bewirtschaftet, zwei davon im Auftrag der EWR GmbH.

Die Talsperren geben dem Bergischen Land ihr Gesicht - wie kam es dazu, dass es hier so viele gibt?

Wulf Im Bergischen Land sind die Voraussetzungen für Talsperren ideal. Es gibt Mittelgebirgsflüsse, viele Bäche und reichliche Niederschläge. Wenn die feuchte Atlantikluft von Westen auf unsere Mittelgebirge trifft, regnet es hier mehr als in den tieferen Lagen der Rheinebene, besonders im Winterhalbjahr. Dafür sind Grundwasservorkommen im rheinischen Schiefergebirge nicht sehr reichhaltig. Diese Ausgangslage brachte die Planer im 19. Jahrhundert auf die Idee, den steigenden Wasserbedarf von Bevölkerung und Industrie durch Talsperren zu decken. Wir verdanken dies besonders dem Bauingenieur Otto Intze, der mit seinen Plänen für die erste Trinkwassertalsperre Deutschlands, die Remscheider Eschbach-Talsperre, das Zeitalter des Talsperrenbaus in Deutschland einläutete.

Wie wahr ist das Klischee, dass es im Bergischen überproportional viel regnet?

Wulf Da ist sehr viel Wahres dran. Das Sprichwort "Wuppertaler würden mit dem Regenschirm in der Hand geboren" können wir mit unseren Messdaten bestätigen. Wuppertal wurde nach einer Auswertung des Deutschen Wetterdienstes 2008 zur regenreichsten Großstadt Deutschlands gekürt - mit einem durchschnittlichen Jahresniederschlag von etwa 1150 Millimeter oder Liter pro Quadratmeter. Unsere eigene Messstation in Wuppertal-Buchenhofen zeigt im Mittel einen Jahresniederschlag von 1130 Litern. In den höheren Lagen des Bergischen Landes liegt der Jahresniederschlag bei bis zu 1400 Litern pro Quadratmeter. Im Vergleich dazu liegt der Durchschnitt für Deutschland bei 700 Litern.

Verändert sich denn das Klima auch in der Region spürbar?

Wulf Ja. Die Folgen sind in Natur und Umwelt deutlich zu spüren. Langjährige Messungen des Landesumweltamtes NRW zeigen, dass auch hier bei uns die Temperaturen ansteigen und sich bei den Niederschlägen Intensität und die Verteilung ändern. Auch an unseren Messstationen können wir diese Trends beobachten. Der April wird trockener, während der November feuchter wird.

Ist das eventuell auch an Volumen oder Ausdehnung der Talsperren festzumachen?

Wulf Das Volumen einer Talsperre ändert sich nicht, wohl aber ihr Stauinhalt. Zunächst einmal ist es normal, dass der Stauinhalt, also die Füllmenge einer Talsperre, im Jahresverlauf schwankt. Das hängt von den Regenmengen und Zuflüssen ab und auch davon, ob wir etwa im Winter in den Brauchwassertalsperren Stauraum als Puffer für Niederschläge und Schneeschmelze freihalten müssen. Ideal ist für uns, wenn wir am Ende des Winters und im Frühjahr viel Regen haben, um die Talsperren für das Sommerhalbjahr zu füllen. Wenn es im Sommer viel regnet, nimmt die Vegetation viel Wasser auf, das bringt uns dann nicht viel für die Talsperren. In den vergangenen Jahren hatten wir mehrfach die Situation von trockenem Frühjahr und weniger Regen im Winter. Das machte sich in den Talsperren bemerkbar, sie waren dann weniger gefüllt als nach einem nassen Winter und Frühjahr.

Ist denn nach wie vor genug Wasser vorhanden?

Wulf Ja. Das Bergische Land ist eine wasserreiche Region, und das bleibt auch so. Im Jahresmittel ist die klimatische Wasserbilanz in NRW positiv. Das bedeutet, dass die Niederschläge höher sind als die Verdunstung. Auch am Gesamtjahresniederschlag wird sich nach den aktuellen Erkenntnissen und Zukunftsszenarien in der Region höchstwahrscheinlich wenig ändern. Seine Verteilung im Jahr wird sich allerdings ändern, Extreme wie Starkregen werden zunehmen. Aber: Wir müssen gemeinsam mit Wasserversorgern, Behörden und Nutzern überlegen, wie wir uns für die Herausforderungen der Zukunft rüsten können. Die Verschiebungen innerhalb des Jahres können trotz gleichbleibender Jahressumme zu längeren Trockenperioden in Zeiten des sommerlichen Wasserbedarfs führen.

Welche Bedeutung haben die Talsperren in diesem Zusammenhang?

Wulf Die Talsperren haben heute schon eine hohe Bedeutung als Trinkwasserspeicher, Baustein im Hochwasserschutz und Wasservorrat in Trockenzeiten. Bei geänderten Klimabedingungen könnte ihre Bedeutung für Leben und Wirtschaften der Menschen sogar noch größer werden, als sie heute schon ist. Gleichzeitig wird das Talsperrensystem dadurch stärker gefordert, muss also eventuell zukünftig bei geänderten Zulaufbedingungen, wie vermehrten Trockenphasen in Zeiten, wo wir eigentlich einen Zufluss zu den Talsperren benötigen, mehr leisten.

Wie wird die Wasserentnahme der Talsperren gesteuert?

Wulf Für die Trinkwassertalsperren gibt es Regelungen mit den Wasserversorgern über die für die Aufbereitung zu entnehmenden Rohwassermengen. Normalerweise ist die jährlich für die Trinkwasseraufbereitung verwendete Rohwassermenge sehr konstant und kann durch die vorhandene gespeicherte Menge auskömmlich bedient werden. Aber da wir in der Großen Dhünn-Talsperre im Herbst 2015 einen sehr niedrigen Füllstand hatten, wurde mit den Versorgern vereinbart, vorübergehend weniger Wasser aus dieser Talsperre und mehr Wasser aus anderen Trinkwassertalsperren oder Rheinuferfiltrat aufzubereiten. Hier bietet das Mehrsäulenprinzip Flexibilität und Sicherheit.

Verändern sich mittelfristig die Aufgaben des Wupperverbandes?

Wulf Wir verfügen über ein Privileg, um das uns viele Regionen dieser Welt beneiden können: einen großen Wasserschatz. Den auch regional zu bewirtschaften, ist eine große Zukunftsaufgabe. Hier wird der Wupperverband eine zentrale Funktion übernehmen müssen.

Ist ein Szenario denkbar, in dem im Bergischen Wasserknappheit droht?

Wulf Denkbar ist vieles. Für sonderlich wahrscheinlich halte ich das aber nicht, wenn wir unsere "Hausaufgaben" erfüllen. Unser gesamtes Versorgungssystem bietet durch die früheren Entwicklungen in seinem jetzigen Ausbau gute Kapazitäten, um gerüstet zu sein. Wir müssen aber konstant gemeinsam mit den Wasserversorgern an der Aufrechterhaltung und Anpassung dieser Systeme - der Talsperren, Wasserwerke und weiteren Rohwasserquellen - arbeiten.

WOLFGANG WEITZDÖRFER FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
 
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