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Remscheid
Der lange Weg in die Freiheit

Remscheid: Der lange Weg in die Freiheit
FOTO: Daniel Naupold
Remscheid. Das mühselige Leben mit der Schuld hinter Remscheider Gefängnismauern geht für einen Mann langsam zu Ende, der sich an seine Tat nicht erinnern kann. Ein Mörder, sagen die Richter. Nach elf Jahren Haft glaubt er an einen Neuanfang. Von Bernd Bussang

An die Sekunden, in denen sein Leben diese tragische Wendung nahm und vollends ins Bodenlose stürzte, kann sich Hartmut Baumann (Name geändert) nicht erinnern. Bis heute nicht. Es ist elf Jahre her, dass er sein Handy nahm und den Notruf wählte. Die Hilfe, der er mit ruhiger Stimme anforderte, kam zu spät. Vor ihm lag ein Toter.

Baumann hatte einen Mann getötet, mit dem er geschäftlich verbunden war. Es ging um Geld, das dieser Mann ihm schuldete, das er so dringend brauchte, um seine schwer angeschlagene Firma zu retten. Der Druck, der seit so vielen Monaten auf dem Unternehmensberater lastete, hatte sich entladen, in einer Explosion der Gewalt.

Die Spuren am Tatort, Zeugenaussagen aus Baumanns Umfeld, die möglichen Hintergründe der Bluttat, für die Ermittler von Polizei und Staatsanwaltschaft verdichtete sich der Verdacht zur Gewissheit: Baumann hat nicht in Notwehr oder in einem Zustand der Unzurechenbarkeit gehandelt. Für die Ankläger war es Mord. Das Gericht stimmte ihnen zu. Lebenslänglich.

Wenn Väter im Gefängnis sitzen FOTO: dpa, rwe sab

Baumann kann sich nicht erinnern. Bis heute nicht. So viele Jahre nach der Tat kann er über vieles offen reden. Nur über diese alles entscheidenden Sekunden nicht. "Ich weiß einfach nicht, was geschehen ist", sagt er. Er erinnert sich, dass er sich mit seinem Geschäftspartner getroffen hat, er weiß, dass sie Streit hatten, dass er wütend auf sein Gegenüber war. Und dass er die Polizei gerufen hat. Das wars?

"Das erste halbe Jahr habe ich erlebt, als sei ich in Watte gehüllt", erinnert er sich. "wie in einer psychiatrischen Gummizelle." Die Untersuchungshaft, der Prozess, das Urteil. "Ich saß da, doch das war nicht meine Welt, ich war Teil des Ganzen, kannte aber meine Rolle nicht."

Voll schuldfähig. Kein Fall für die Psychiatrie, befanden die Gutachter, selbst nicht für eine Therapie. Baumann musste um sie kämpfen. Mit einer Gefängnis-Psychologin sprach er immer wieder über seinen Blackout. Er wollte Antworten, versuchte es sogar mit Hypnose. Solche radikalen Verdrängungsmechanismen seien in Fällen wie seinem keineswegs ungewöhnlich, sagte die Psychologin.

Weihnachtsbasar in der Justizvollzugs-Anstalt FOTO: Hertgen, Nico

Doch wie war eine solche Tat überhaupt möglich, bei einem Mann, der bis dahin nicht gewalttätig war? Baumanns Ehe war zerrüttet, schon lange vor der Tat. Seine Tochter war damals vier. Der enorme Existenzdruck belastete das Familienleben zusätzlich. Es gab häufig Streit. "Meine Frau hatte sehr hohe Ansprüche." Baumann versuchte, ruhig zu bleiben, "alles zu kontrollieren", wie er sagt. "Mein Unvermögen, Gefühle und Aggressionen zu zeigen, hat sich dann in einem einzigen Moment entladen". Die angestaute Angst, blanke Wut, ja Panik - "es kam etwas aus mir heraus, was bis dahin unvorstellbar war."

Die ersten Jahre im Gefängnis hätten ihm gut getan, sagt Baumann. "Ich war abgeschirmt in meiner Zelle, wie in einem Kloster, und ich habe die Zeit genutzt." Es habe lange gedauert, mit der Schuld leben zu können. "Ich habe einen Menschen getötet, und meine Schuld besteht auch darin, dass ich nicht rechtzeitig erkannt habe, was mit mir los ist, was ich tue und wozu ich fähig geworden bin."

Der 51-Jährige ist ein Musterhäftling und hat sich auf seine Entlassung akribisch vorbereitet. Wenn alles gut geht, könnte der 1. August 2018 sein erster Tag in Freiheit sein. Über viele Jahre hat er seine beruflichen Fähigkeiten weiter entwickelt und sich auf das Gebiet der Logistik spezialisiert. Das Warenwirtschaftssystem der Remscheider Vollzugsanstalt kennt er wie kaum ein Zweiter. Inzwischen lebt er im offenen Vollzug, machte den Gabelstaplerführerschein, seit drei Wochen hat er eine Stelle als Lagerist außerhalb der Gefängnismauern bei einem Remscheider Familienunternehmen. Fünf Monate hatte er intensiv nach einem Job gesucht, 200 Bewerbungen waren nötig.

Vier seiner alten Freunde besuchen ihn regelmäßig ebenso wie seine Eltern. Inzwischen kann er Gegenbesuche machen, im eigenen Auto, das er sich über viele Jahre zusammengespart hat. Eine neue Frau bereichert sein Dasein. Mit ihr will er nach der Entlassung ein neues Leben beginnen - "ruhig, einfach, gerne auch spießig".

Sein größter Wunsch: "Ich will meine Tochter wiedersehen." Sie ist inzwischen 15 Jahre alt und lebt mit ihrer Mutter im Ausland. Vater und Tochter haben Mailkontakt. Den Zeitpunkt des Wiedersehens soll sie selbst bestimmen. "Ich werde dann versuchen, ihr alles zu erklären."

Quelle: RP
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