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Remscheid
Der missbrauchte Bergische Löwe

Remscheid: Der missbrauchte Bergische Löwe
Der Bergische Löwe, wie er im Stadtwappen zu sehen ist. FOTO: Archiv
Remscheid. Das steinerne Denkmal auf dem Rathausplatz dient als Vorbild für die großen und kleinen Raubtiere der Remscheider Löwenparade im August. Wir erzählen seine unrühmliche Geschichte und erinnern an das echte Wahrzeichen. Von Gisela Schmoeckel

Als "Bergischer Löwe" reckt der Remscheider Löwe auf dem Rathausplatz sein mächtiges, etwas überlängtes Haupt aus grauem Muschelkalk in einer Höhe von mehr als 13 Metern furchterregend in den oft umwölkten Remscheider Himmel. Genauso wie die hübsch angemalten, verspielten und lustigen Löwen der im August startenden Löwenparade ist er kein "Bergischer" Löwe, sondern ein von Nationalsozialisten missbrauchtes Symbol. Der "echte" Bergische Löwe ist im Herzogtum Berg seit 1225 ein doppelschwänziges Wappentier.

Nach dem Meuchelmord am Kölner Erzbischof Engelbert, dem letzten Grafen von Berg, im Jahr 1225 kam die Grafschaft Berg an das Herzogtum Limburg an der Maas, das als Wappentier seit 1214 einen zweischwänzigen Löwen führte. In dem Jahr waren die Herzöge von Limburg auch Grafen von Luxemburg geworden. Limburg und Luxemburg hatten beide den Löwen im Wappen. Dieser Doppelbesitz wurde nun als Zweierschwanz dokumentiert.

Zwei Jahre, bevor Remscheid durch die preußische Regierung offiziell als Stadt anerkannt worden war, hatte sie schon 1854 die Genehmigung zur Führung eines eigenen Wappens erhalten, das auf ein Landgerichtssiegel aus dem Jahr 1566 zurückging. Es besteht aus einem horizontal zweigeteilten Schild, dessen oberes, weißes Feld die Halbfigur des roten bergischen Löwen mit blauer Krone, blauer Zunge und blauen Krallen sowie den beiden tänzelnden Schwanzspitzen zeigt. Im unteren blauen Feld ist eine aufrecht stehende, silberne Sichel zu sehen. Dieser halbe Löwe ist auch Teil des Lüttringhausener Wappens, das erst 1893 beantragt und genehmigt wurde.

Im Gegensatz zum Remscheider Löwendenkmal steht der Bergische, (Limburger) immer mit ganzer Figur aufrecht, mit spielerisch erhobenen Vorderpfoten; parallel zu seinem Rücken bilden die Spitzen seiner beiden Schwänze eine tänzerische Bewegung - nichts hat dieses höfische Wappentier gemeinsam mit der martialischen Gefährlichkeit des Remscheider Denkmal-Löwens, der eine ganz andere und viel jüngere Geschichte hat.

1906 weihten die Remscheider das große, prächtige Rathaus im Neo-Renaissance-Stil ein. Ihm gegenüber an der Ostseite des Platzes errichtete die Stadtsparkasse 32 Jahre später, 1938, einen dreigeschossigen, langgestreckten Neubau im Stil nationalsozialistischer Architektur. Oberbürgermeister Dr. Walther Hartmann (1873-1964) hatte in einer Ratsversammlung die Idee geäußert, eine Löwenstatue auf den Platz vor dem Rathaus aufzustellen. Nach dem Rücktritt von Walther Hartmann, der seit 1914 erst Bürgermeister und später nach der Vergrößerung der Stadt im Jahr 1929 bis 1937 ihr Oberbürgermeister war, beauftragte der nationalsozialistische Stadtrat den Kölner Bildhauer Willy Meller (1887-1974) mit Entwurf und Ausführung eines monumentalen Löwendenkmals. Hartmanns Nachfolger Ludwig Kraft weihte das 13,5 Meter hohe Muschelkalk-Denkmal bei einer in den Zeitungen als "vorbildlich" genannten, nationalsozialistischen Massenkundgebung am 1. Mai 1939 auf dem Rathausplatz ein.

Zwischenzeitlich war aus ihm der Adolf-Hitler-Platz geworden, auf dem sich zu dieser Kundgebung mit Fahnenweihe 27000 Parteimitglieder der einzelnen NSDAP-Ortsgruppen versammelt hatten. Ein Fanfarenzug der Hitlerjugend und die Kapelle der "Bergischen Stahlindustrie" begleiteten die Zeremonie mit Musik. Nach dem Marsch "Volk ans Gewehr" wurde das Denkmal enthüllt und sechs neue Fahnen der "Deutschen Arbeitsfront" geweiht. Abends feierte Remscheid die neue Platzgestaltung mit Feuerwerk und Pechfackeln. Auf dem Denkmalsockel fand sich die Inschrift eingemeißelt: "Dem Schöpfer des Großdeutschen Reiches in Dankbarkeit. 1. Mai 1939".

In einer Lokalzeitung wurde der steinerne Löwe als "erdentwachsen" bezeichnet. Er sollte ein "Sinnbild der Kraft und Wachsamkeit" sein. Dieser "bergische" Löwe war als Monument des Hitler-Deutschlands gedacht, das "die Bewohner unserer Stadt allezeit an die Großtaten des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler" erinnern sollte. Die Figur selbst ist über dreieinhalb Meter hoch, ihre Massigkeit und ihre beherrschende, auch drohende Wirkung entsteht, weil sie einerseits frei stehende Plastik auf hohem Sockel ist, andererseit reliefartig wirkt, weil sie zwischen den Beinen mit dem Stein, aus dem sie gehauen wurde, verbunden bleibt. Sie bildet so vor dem Himmel einen düsteren, dunklen Block und wirkt nicht elegant, katzenhaft gespannt, sondern schwerlastig, massig und statisch.

Die Remscheider Löwenfigur entspricht dem Stil des monumentalen, faschistischen Klassizismus, der von den Nationalsozialisten für Skulpturen im Öffentlichen Raum bevorzugt wurde.

Das Löwendenkmal erwies sich als äußerst haltbar. Selbst der entsetzliche Bombenangriff in der Nacht vom 30. zum 31. Juli 1943 konnte ihm nichts anhaben. Eine Fotografie im Stadtarchiv Remscheid zeigt ihn unversehrt vor der Rathausruine. Erst 1962 war der Wiederaufbau des Rathauses vollendet. Am 19. Dezember 1966 feierten die Remscheider ein neues großes Fest rund um das Löwendenkmal, als der Rathausplatz in Theodor-Heuss-Platz umbenannt wurde. Die alte Inschrift auf der Rückseite des hohen Denkmalsockels wurde nach dem Krieg geändert: Heute lautet sie immer noch falsch: Bergischer Löwe, Wappentier seit dem Jahre 1225.

Quelle: RP
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