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Remscheid
Der tägliche Wahnsinn

Remscheid. Unser Reporter fährt regelmäßig über die Autobahnen im Großraum Köln. Das erhöhte Verkehrsaufkommen wegen der Brückensperrung in Leverkusen konnte ihm gestern wenig anhaben. Seine Beobachtung: Pendler werden zwangsweise zu Stoikern. Von Hagen Thiele

Wie gigantische Perlen reihen sich die Lkw aneinander, während ich mit meinem Kleinwagen im Schneckentempo auf der Nachbarspur an ihnen vorbeiziehe und nach einer Lücke zum Einreihen suche. Es ist kurz nach 6 Uhr am Freitagmorgen, ich bin von Remscheid aus über die A1 und danach die A3 auf dem Weg nach Bonn. Seit 2013 ist die Rheinbrücke für Fahrzeuge ab 3,5 Tonnen gesperrt. Als Ersatzroute dient die völlig überlastete A3. Das Resultat, ein Rückstau unzähliger Lkw, ist Normalzustand. Die heute ebenso oft vertretenen Pkw sind hingegen ungewöhnlich. Der Grund: Seit Donnerstagabend ist die Brücke wegen Sanierungsarbeiten bis Montag um 5 Uhr komplett gesperrt.

Der ungewöhnlich früh entstandene Stau lässt mich kalt und sorgt vielmehr für das bereits gewohnte Maß an Ärger, Empörung und Unverständnis. Wie konnte man einen derart wichtigen Verkehrsknotenpunkt so vernachlässigen? Als Konsequenz entstehen seit über zwei Jahren auf den verschiedenen Autobahnen rund um das Leverkusener Kreuz jeden Werktag zwischen etwa 6.30 Uhr und 19 Uhr Staus. Stark betroffen ist die A3, die für das vermehrte Lkw-Aufkommen nicht ausgelegt ist. Dort sorgt eine Baustelle direkt am Kreuz selbst für zusätzliche Probleme. Wer die Route nimmt, braucht starke Nerven oder sollte - falls es irgendwie möglich ist - außerhalb der Stauzeiten fahren.

Deswegen schockt mich die Verzögerung an diesem Freitag kaum. Pendler im Raum Köln werden zwangsweise zu Stoikern. Erfahrungsgemäß habe ich für die 80 Kilometer lange Fahrt, die ohne Stau nicht einmal eine Stunde dauert, außer einer Thermoskanne mit Kaffee und einem Snack auch einen Sicherheitspuffer von einer zusätzlichen Stunde Fahrtzeit im Gepäck. Die Ausweichrouten über Land, so haben Selbstversuche ergeben, benötigen meist noch mehr Zeit. Auch sie sind überlastet. Für die Anwohner gilt dank Dauerstau: ländliche Idylle ade!

Als Pendler wurde ich Zeuge der unterschiedlichsten Reaktionen. Zum gewohnten Bild gehören Lkw-Fahrer, die die lange Zwangspause vor der Rheinbrücke zum Putzen der Außenspiegel nutzen. Andere pflegen sich selbst. Kuriosestes Schauspiel: Ein Fahrer schnitt aus dem geöffneten Fenster heraus seine Fußnägel.

Wenn Konzentrationsmangel und eilige Pkw-Fahrer aufeinandertreffen, steigt die Unfallgefahr. In den vergangenen drei Monaten habe ich rund um das Leverkusener Kreuz in und vor den Baustellen auf der A1 und der A3 die Auswirkungen sechs schwerer Unfälle gesehen. Drei von ihnen führten zu Vollsperrungen. Eine davon verursachte einen über 20 Kilometer langen Stau.

So schlimm ist es heute zum Glück nicht. Sollte eine Vollsperrung der Brücke allerdings außerhalb der Ferienzeit nötig werden und stark frequentierte Werktage wie den Montag treffen, glaube aber auch ich daran, dass Chaos in ganz neuen Dimensionen entstehen wird.

Zum Glück lässt die neue Brücke noch bis mindestens 2020 auf sich warten. Wir Pendler haben also genug Zeit, um uns an den Wahnsinn zu gewöhnen.

Quelle: RP
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