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Lebensraum Wald (1)
Die grüne Fabrik

Lebensraum Wald (1): Die grüne Fabrik
Markus Wolff ist Forstamtsleiter und der Waldexperte für unsere Reihe. FOTO: Moll Jürgen
Remscheid. In einer kleinen Reihe stellt die BM den "Lebensraum Wald" vor. Im ersten Teil geht es um die Leistungen des Waldes, die in einer Studie berechnet wurden. Die folgenden Teile widmen sich dem Waldboden, dem Unterholz und den hohen Bäumen. Von Solveig Pudelski

Ein Vergleichstest: Stellen Sie sich an einem heißen Sommertag mitten in die City, schließen Sie die Augen, atmen sie tief ein. Die Luft ist staubig, stickig, trocken und von Abgasen geschwängert. Der Asphalt strahlt Hitze ab. Die Sonne brennt. Danach gehen Sie in den Wald, tiefe Atemzüge im Baumschatten. Angenehm kühl, feucht, würzig, sauerstoffreich ist die Luft. Solch ein Selbstversuch macht auf einen Schlag spürbar, wie wichtig der Wald für unser Klima, unser Leben ist. Remscheid kann sich glücklich schätzen, zu einer der grünsten Städte zu zählen - die Werkzeugstadt rangiert unter 79 Großstädten auf Platz 16.

"Ein Drittel des Stadtgebiets sind Wald", sagt Markus Wolff, der bei den Technischen Betrieben Remscheid unter anderem für die Wälder zuständig und gleichzeitig Geschäftsführer des Forstverband Remscheid ist. Das ist die Dachorganisation der Waldbesitzer, von denen rund die Hälfte Privatleute sind. Insgesamt 2300 Hektar der Stadtfläche sind bewaldet.

Für die meisten Remscheider sind die Wälder ein beliebtes Naherholungs- und Wandergebiet. Ein Stück Natur zum Genießen - jederzeit und selbstverständlich gratis. "Kaum jemand macht sich Gedanken, was der Wald und somit die Waldbesitzer für das Allgemeinwohl und für das Klima leisten", sagt Wolff.

Daher hat er gemeinsam mit Norbert Asche vom Landesbetrieb Wald und Holz NRW und Lukas Sieberth eine Studie "Ökosystemdienstleistungen von Wäldern" erstellt. "Wir haben mal einen anderen, einen volkswirtschaftlichen Blick auf den Wald geworfen: Wie viel ist der Wald wert? Welches Naturkapital steckt in ihm?", erläutert Wolff. Das Ergebnis vorab: Jährlich "erwirtschaftet" der Remscheider Forst 26,5 Millionen Euro. Der Verkauf von Holz macht dabei nur einen geringen Teil aus.

Die beeindruckende Zahl ist keineswegs aus der Luft gegriffen, sondern basiert auf einer wissenschaftlichen Methode, bei der es um Artenschutz, Staubfilterleistung, Luftbefeuchtung, Siedlungs- und Erholungswert oder um Wasser- und Erosionsschutz geht. Bei Letzterem wurden Flächendaten der Hochschule Ostwestfalen in Höxter herangezogen - zum Beispiel die Steilhänge der Wälder mit Gefälle zwischen 28 bis 58 Grad. Warum das bedeutsam ist, macht Wolff an einem Vorfall deutlich, den und dessen Folgen viele noch vor Augen haben: Nach einem Kahlschlag auf Anordnung der Bahn entlang der Schienen in Westhausen gab es 2013 eine Gerölllawine. 6000 Kubikmeter rutschten auf die Schienen. Dies legte über sieben Wochen den Bahnverkehr lahm - nicht nur für Aufräumarbeiten, sondern auch, weil der Hang mit Stahlankern kostenträchtig gesichert werden musste. Viele Pendler stiegen auf Busse um - unterm Strich ein großer volkswirtschaftlicher Schaden. Das Fazit: Mit Wald wäre das nicht passiert.

Der Wald leistet viel. Er schützt nicht nur vor Bodenerosion wie sie in Westhausen passierte, er filtert auch Feinstaub und Schadstoffe - Wolff: "Ein Hektar Nadelwald filtert 50 Tonnen Ruß und Feinstaub im Jahr." Er bietet vielen Arten einen Lebensraum und ist ein Klimaverbesserer. Außerdem ist er wichtig für den Wasserschutz. In Remscheid erhöht er in vielen Bereich den Wohnwert. "Die guten Lagen sind in Waldnähe", sagt Wolff. Westhausen und Ehringhausen sind nur zwei Beispiele.

Nicht zuletzt ist der Wald ein Naherholungsraum - allein der Erholungswert macht 45 Prozent der ermittelten Waldleistung aus. Rund 60 Waldbesuche pro Jahr und Bewohner wurden in der Studie zugrundegelegt. Als Wertansätze wurden die Reisekostenmethode, also die Aufwendungen für den Waldbesuch, sowie die angenommene Zahlungsbereitschaft der Menschen für den Waldbesuch zugrundegelegt. Wolff beruhigt: "An eine Kurtaxe für den Waldbesuch denken wir nicht." Manchmal wünscht er sich nur mehr Respekt vor und Wertschätzung für den Wald, dessen Eigentümern und für die enormen Leistungen der "grünen Fabrik".

Quelle: RP
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