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Remscheid
Die Kraft des Gegners für sich nutzen

Remscheid. BM-Mitarbeiterin Anna Mazzalupi hat an einem Selbstverteidigungs-Kursus teilgenommen. Von Anna Mazzalupi

Ein fester Griff um mein Handgelenk, aus dem ich mich selbst lösen soll. Noch schaue ich etwas skeptisch. Immerhin ist Thomas Wollscheid über zwei Köpfe größer als ich. Und dann soll ich ihn noch von mir wegstoßen. Ob ich dafür überhaupt genug Kraft habe? Wollscheid erklärt mir den Ablauf und nickt mir noch kurz ermunternd zu, bevor er mich dann böse anblickt. Selbstvertrauen, Selbstbehauptung, Selbstschutz - darum geht es in der Übung.

Etwas zögernd drehe ich bei einem Schritt nach links meinen rechten Arm so, dass meine Hand Wollscheids Unterarm blockiert und ich ihn packen kann. Die linke hole ich dazu, um ihn mit beiden Händen von mir wegzustoßen. Das funktioniert tatsächlich! Der große Mann strauchelt durch meinem Stoß nach hinten. Meine Hände halte sich schützend und abwehrend nach oben, mein Blick ist dabei ernst. Es ist ein tolles Gefühl.

In der Wing Tsun-Schule Lennep gehört das Szenario zum ganz normalen Training. Jeden Montag und Mittwoch treffen sich die Mitglieder im Raum des Sportstudios "Fit & Fun", um an den Griffen, aber auch an Gestik, Mimik und Stimme zu arbeiten. Bei der rund 300 Jahre alten, chinesischen Kampfkunst Wing Tsun geht es nicht um den Sport, sondern um die Verteidigung. "Das ist eine realistische Selbstverteidigung", erklärt mir Sifu (Lehrer) Wollscheid, der die Schule in Lennep leitet.

Als Anfänger beginnt man mit einfachen Schlägen oder Tritten. Beim Einüben des sogenannten Drei-Schlags merke ich zum ersten Mal die körperliche Anstrengung. Jan Ritzmann ist Ausbilder und erträgt geduldig meine Schläge mit der offenen Hand in den Handschuh. Bei jeder Dreierkombination werden die Hände über Kreuz geführt, der Gegner dabei nach hinten gedrängt. Es ist wirklich erstaunlich, wie viel Kraft man entwickelt. "Die Basis lernt man schnell. Mit der Zeit ist das dann verinnerlicht, sodass man die Bewegungen abrufen kann", erklärt Wollscheid.

Die Kraft des Gegners muss ich mir zu eigen machen. Angst vor Nähe darf man nicht haben. Immerhin könnte mich im Ernstfall der Angreifer von hinten packen. Dann heißt es, die Hände des Gegners fest auf die eigene Brust zu drücken, um sie festzuhalten. Die Hüfte wird ein Stück zur Seite geschoben und macht Platz für den Schlag in die Weichteile. Der eigene Körper wird dadurch zur Waffe. Je genauer man sie ausführt, desto effizienter ist die Technik. Bei der "Mädchenklatsche", ein Schlag mit der offenen Hand ins Gesicht, bin ich erst noch zu schüchtern. Aggressionen bündeln, auch ein bestimmtes Gesicht vor den Augen zu visualisieren, hilft, stärker zu schlagen. Ein lautes "Stopp!" oder "Halt!" setzen zusätzlich Energie frei. Ich fühle mich gut und irgendwie auch leichter.

"Wichtig ist es, Öffentlichkeit zu schaffen. Man darf keine Angst haben, laut zu sein", rät der Sifu. Wie man das macht, wie man sich richtig verhält, lernt man in Rollenspielen. Gestik und Mimik werden vom Partner bewertet. Auch das Bauchgefühl sei sehr wichtig, um eine Situation richtig einzuschätzen und Gefahren aus dem Weg zu gehen. Den ernsten, bösen Blick kann ich nach dem zweiten Durchgang bereits wesentlich besser umsetzen.

Sich klar abzugrenzen, selbstbewusst aufzutreten, sei gerade für Frauen wichtig, da sie oft zu schüchtern sind, bemerkt Wollscheid. Seit den Übergriffen in Köln ist auch die Nachfrage von Frauen in der Schule mit überwiegend männlichen Teilnehmern gestiegen.

Angst, nachts alleine unterwegs zu sein, hatte ich zwar vor meiner Probestunde nicht. Sie hat mich aber wesentlich sicherer gemacht, sollte doch einmal etwas passieren.

Quelle: RP
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