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Kolumne: Kommentar
Die Last der Vergangenheit

Unterm Löwen habe ich mich nie wohlgefühlt. Weder als Kind, noch mit meinen Kindern, noch heute, wenn ich über den Rathausplatz gehe. Er verkörpert eine Präsenz im Zentrum der Stadt, die darauf abzielt, die Menschen zu verkleinern. Er gibt sich in 13 Metern Höhe unnahbar und verursacht Genickstarre, wenn man zu ihm aufschaut. Gerade dieses erzwungene Aufschauen ist es, was mich als Haltung besonders stört.

Die Ästhetik des Löwen verordnet ein Herr-Knecht-Gefühl, das so gar nicht zu dem Namen des Platzes passt. Immerhin wird mit Theodor Heuss an den ersten Bundespräsidenten der Bonner Republik erinnert, dessen Liberalität nichts gemein hat mit dem Untertanengeist der Faschisten. Es ist eigentlich sehr schade, dass die englischen Fliegerbomben 1943 nur das Rathaus und nicht den Löwen getroffen haben. So müssen wir weiter mit ihm leben, denn eine Initiative zum Abriss des Löwen hat sich bisher nicht formiert.

Im Gegenteil: Der Löwe bekommt Nachwuchs. 180 große und kleine Löwen versammeln sich am 30. August zu seinen Füßen. Das wird bestimmt eine sehr amüsante und heitere Veranstaltung, mit der die Stadt den Gemeinschaftssinn der Bürger festigen will. Aber als ein Mensch, der sich um Geschichtsbewusstsein bemüht, kann ich diese Geschichtsvergessenheit nicht ganz nachvollziehen, und sie bereitet mir leichtes Bauchgrimmen. Einfach ein Denkmal zu kopieren, das die Nationalsozialisten für ihre Herrenmenschen-Ideologie missbraucht haben, ist doch irgendwie recht simpel und einfallslos. Mit ein paar feinen Ideen hätte sich bestimmt leicht ein anderer Prototyp des Bergischen Löwen formen lassen, einer der freundlicher, weltoffener und gewitzter ist. Die Chance ist vertan. Einerseits. Andererseits könnte die Löwenparade auch ein Anlass bieten, sich mit diesem so präsenten Erbe auseinanderzusetzen. Vielleicht färbt der Ideenreichtum der Teilnehmer der Löwenparade auf den grauen Klotz ab, und es entsteht ein Wettbewerb darüber, wie das Denkmal bearbeitet werden könnte, damit es zu der Stadt und ihren Menschen passt. Christian Peiseler

Quelle: RP
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