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Remscheid
Die schleichende Zerstörung der Idylle

Remscheid. Die Malerin Angelika Schmitz zeigt Bilder zum Thema "Flucht und Vertreibung" im FDP-Infozentrum. Von Gisela Schmoeckel

Wundersames, helles Azurblau leuchtet in diesen Tagen den Besuchern des Infozentrums der Remscheider FDP von einer großen Bildfläche entgegen. Azurblau wie das Mittelmeer, das Meer unserer Feriensehnsucht. Doch die Remscheider Künstlerin Angelika Schmitz hat im unteren Bildbereich ein aus Papierresten gefaltetes Boot aufgeklebt, in dem aus Papier geschnittene Menschen-Silhouetten mit erhobenen Armen stecken. Hilferufend oder grüßend?

Flüchtlinge, Boatpoeple oder Menschen auf einem unbeschwerten Ruderausflug? Beim Näherkommen wird die zerkratzte Bildoberfläche wahrnehmbar, die Formen zerbrochener Kreisscheiben, die Räumlichkeit der Meeresweite verschwindet, das Blau der Fläche verwandelt sich wie ein Stück Wand in reines Material. Es ist die Ambivalenz, die den Sog dieser Bilder ausmacht. Beim Näherkommen sind Schriftzüge auf sanft gebogenen Schilfblättern in feuchtem dunklen Grüngrund zu lesen: Sätze mit Worten wie "Asyl", "Flüchtlinge". Ihr Inhalt, ihre Mitteilung kontrastiert schmerzhaft mit der Schönheit der Malerei - zerstört den ersten Eindruck der Idyllik.

Eine Brechung wird sichtbart, um den Blick auf das Unfassbare des Kriegsgeschehens frei zu legen. Durch einen aufgeklebten, zum ovalen Ring gelegten Schleier aus feinen durchsichtigen Seidenpapieren erblickt man eine Altstadtgasse, verlockend und geheimnisvoll. Doch die Fensteröffnungen der Wohnhäuser gähnen bedrohlich. Am unteren Bildrand sind schemenhaft Menschengruppen wie aus einer unscharfen Schwarzweiß-Fotografie zu sehen. Angelika Schmitz malt Erzählungen, Bilder, die aus Farben und Strukturen, aus collagierten Fundstücken, Schnipseln, eingeschriebenen Sätzen, gedruckten Wortreihen, aus gemalten Bildzitaten bestehen. Sie verbindet traditionelle malerische Techniken mit den materialhaften Methoden der l'art brut, der Collage, mit Abstraktionen, Piktogrammverfahren, expressionistischen Deformationen und Übertreibung mit Farbmalerei. Zitate, Fundstücke. Alles dient ihr, um den unentwirrbaren Komplex von Gefühlen und Einsichten aus Trauer, Mitleiden, Zorn und Anteilnahme am Schicksal der Flüchtlinge sichtbar zu machen. Sie nimmt Objekte aus der Realität und bringt sie in der Collage in einen neuen Sinnzusammenhang. Dieser gibt Rätsel auf und zugleich die Möglichkeit zu Einsichten. Nicht plakativ ist die Sprache dieser Malerei, sondern eher poetisch, differenziert wie die Materialien und Farben, die in einen leisen Dialog gesetzt werden. Ihre Arbeiten lassen Raum zum eigenen Sehen. Die Bilder sind Mitteilungen auch über die Erfahrung der Künstlerin, die von Orten erzählt, die sie selbst in der Zeit vor dem Krieg kennenlernte. Die Zerstörung ihrer erinnerten Schönheit wird in dieser Collagenform sichtbar.

Info Öffnungszeiten montags bis donnerstag, 9 bis 12.30 Uhr, Alleestraße 108.

Quelle: RP
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