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Remscheid
Die Vermessung der Welt in Versmaßen

Remscheid. Paul Wittbecker (76) aus Bergisch Born schreibt seit seiner Kindheit Gedichte. Von Bernd Geisler

Der Eintritt ins niedrige Wohnzimmer des kleinen Häuschens in Bergisch Born lässt für einen kurzen Moment den Atem stocken: An der Wand hängen riesige Köpfe afrikanischer Tiere. Den gesamten Raum beherrschend sucht ein Springbock mit starrem Blick die Weite der Steppe, nicht weit davon entfernt sichert ein mächtiger Spießbock die Ruhe des Zimmers. Kleinere Trophäen überall: "Alles natürlich selbst geschossen", sagt Paul Wittbecker (76) nicht ohne Stolz. Aber diese Leidenschaft sei vorbei, er habe sich davon abgewandt. Dafür schreibt er jetzt Gedichte? Wittbecker winkt ab: "Gedichte habe ich schon immer geschrieben - die ersten Zeilen, sobald ich schreiben konnte, aber mit neun Jahren ging's dann richtig los." Wie ist es zu verstehen, dieses "Losgehen"?

"Es kommt sozusagen über mich", sagt Wittbecker. Gedanken formieren sich, wie bei jedem Menschen: "Bei mir wollen sie allerdings in Versform raus." In der Regel brauche er für ein dreistrophiges Gedicht nicht mehr als zehn Minuten. Auch umfangreiche Korrekturen seien nicht mehr nötig. Er liest sein Gedicht "Kleine Hoffnung" vor. Darin heißt es: "Die Gedanken, so sie kommen, machen uns schon mal benommen." Da sitzt einem also kein zweiter Hemingway gegenüber, ein Großwildjäger und ein Schreiber, den "Die grünen Hügel Afrikas" und der "Schnee auf dem Kilimandscharo" beeinflusst haben. Aber kaum gedacht, spricht es Wittbecker auch schon aus: "Mich hat Hemingway sehr beeinflusst - seine Storys haben mich inspiriert und nach Afrika gezogen." Und wären ihm Ende der 70er nicht die politischen Umwälzungen im ehemaligen Rhodesien - heute Simbabwe - in die Quere gekommen, hätte er dort eine 13000 Hektar große Farm erworben. Er lebt zusammen mit seiner Frau Christiane seit 44 Jahren in Bergisch Born. Die beiden sind seit 53 Jahren verheiratet. Zurück zur Lyrik. Wie viel Gedichte hat Wittbecker im Laufe seines Lebens geschrieben? Er weiß es nicht genau, aber mindestens 1500 werden es schon gewesen sein. Gab es dafür bestimmte Anlässe? "Direkt nicht", sagt er. Was ihm eben so mal einfalle. Und dann liest er sichtlich bewegt sein Gedicht "Abschied" vor. Er hat es zum Tode eines Bekannten geschrieben. Hochzeiten und andere Familienereignisse hat er in Versform eingerahmt. 2007 suchte die Realis Verlags-GmbH für ihre "Bibliothek deutschsprachiger Gedichte" Lyriker. Er schickte das Gedicht "Abschied". Es wurde angenommen, weitere für die nächsten drei Anthologien. Darauf ist er stolz. Im Herbst soll sein erster Roman erscheinen.

Quelle: RP
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