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Remscheid
Ein bergischer Mönch in Brasilien

Remscheid: Ein bergischer Mönch in Brasilien
Nach dem Abitur 1960 legte Hermann Josef Kürten sein Eingangsgelübde ab. Ein Jahr später erfüllte sich sein Wunsch, zu helfen. FOTO: Kürten
Remscheid. Hermann Josef Kürten ist vor 56 Jahren als Franziskanerpater nach Südamerika gegangen. Dort hilft er den Armen. Von Wolfgang Weitzdörfer

Dass Hermann Josef Kürten ein Mann mit einer Berufung ist, wird schnell klar, wenn man sich den Lebenslauf des 77-Jährigen aus Remscheid ansieht. Bereits mit 19 Jahren ist Kürten in das Franziskaner-Kloster Bardel in der Nähe von Gronau in Westfalen eingetreten: "Mein Wunsch war dabei, den Ärmsten zu helfen. Das Franziskaner-Kloster schien mir genau der richtige Weg zu sein", sagt Kürten, der 1940 in Remscheid geboren wurde und in der St.-Josefs-Gemeinde im Remscheider Süden aufgewachsen ist.

Direkt nach dem Abitur im Jahr 1960 hat er sein Eingangsgelübde abgelegt - und schon ein Jahr später erfüllt sich sein Wunsch, wenngleich er nicht in jene Region der Welt geschickt wird, die er sich ursprünglich erhofft hat: "Eigentlich wollte ich nach Afrika, aber die Franziskaner in Bardel hatten ihren Arbeitsschwerpunkt in Brasilien", sagt Kürten, der nun seit 56 Jahren in Südamerika lebt und alle zwei Jahre auf "Heimaturlaub" nach Remscheid zurückkommt. Allerdings nicht nur, um die Reserven aufzutanken, wie er schmunzelnd sagt: "Dann werden Brücken gebaut, ich halte Vorträge und informiere hier über unsere Arbeit in Brasilien."

Nur mit rudimentären Portugiesischkenntnissen ausgestattet, geht es 1961 mit dem Schiff nach Brasilien. "Das war schon abenteuerlich, denn direkt nach meiner Ankunft begann mein Philosophie- und Theologiestudium. Am Morgen waren Vorlesungen, am Abend habe ich versucht, die Unterlagen zu übersetzen - und habe so auch die Sprache gelernt", erzählt Kürten. 1966 wird er zum Priester geweiht, hilft in der Ausbildung junger Franziskanermönche und nimmt 1969 an einem Kursus zur theologischen Weiterbildung teil. Dann jedoch beginnt ein dunkles Kapitel für den ambitionierten jungen Mönch: "Am Ende des Kurses wurde ich 1969 von der Militärregierung ins Gefängnis gesteckt - wegen Anstiftung zur Aufwiegelei", erinnert sich der 77-Jährige. Einen Monat muss er im Gefängnis bleiben, dann wird er in der Stadt Portallegre für vier Jahre unter Hausarrest gestellt. In dieser Zeit bildet er sich im Studium weiter.

Als Kürten sich wieder frei bewegen darf, bekommt er seine erste Pastoralstelle in João Pessoa zugewiesen, der Hauptstadt des Bundesstaates Paraíba im Nordosten von Brasilien. "Für 15 Jahre haben wir die dortigen Bauern unterstützt, deren Land von Großgrundbesitzern und der Regierung enteignet werden sollte, um Zuckerrohr anzubauen", erzählt Kürten. Die Mönche helfen den Bauern, passiven Widerstand zu leisten. Es werden Schulen und Versorgungshäuser gebaut, und gegen alle Repressalien ein Bewusstsein für den Wert der eigenen Arbeit geschaffen: "Mit Erfolg, die Regierung ist schließlich eingeknickt und das Land wurde Ende der 1980er-Jahre freigegeben", sagt Kürten. Weitere Station auf seinem brasilianischen Weg ist eine Pfarrei im Nordosten, in der Region um Campo Formoso: "Diese Pfarrei war 100 mal 100 Kilometer groß, da haben wir uns um die Bildung gekümmert, haben Brunnen gebaut und Lehrer ausgebildet", sagt der 77-Jährige.

Heute ist Kürten mit seinen fünf Mitbrüdern in Campina Grande eingesetzt, etwa 120 Kilometern von João Pessao entfernt. "Wir helfen da, wo die Regierung nicht eingreift. Es geht um die Urbanisierung der ländlichen Gegenden", sagt Kürten. Um die 500.000-Einwohner-Stadt Campina Grande herum gibt es viele kleine Pfarreien auf dem Land. Es fehlt an Vielem, etwa an einer organisierten Müllabfuhr: "Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe, helfen mit Material und Know-how", sagt Kürten. Die Arbeit der Franziskaner soll auch eine gewisse Form von Anstoß für die Regierung sein, sich auch um die ländlichen Gemeinden zu kümmern.

Kürten und seine Mitbrüder bekommen Unterstützung aus der Heimat: "Es gibt in Remscheid einen Hilfsverein. Wir organisieren auch Besuche in Brasilien, damit die Remscheider hier wissen, was wir vor Ort machen", sagt Kürten. Den 77-Jährigen hat die lange Zeit in Brasilien sehr geprägt: "Ich habe über die Jahre lieben gelernt, wie die verschiedenen Kulturen - afrikanisch, brasilianisch, indianisch, portugiesisch - aufeinander zugehen und gemeinsam Probleme lösen", sagt Kürten. Auch das Geschehen in Deutschland verfolgt er genau: "Die Öffnung für alle Welt - wie Deutschland damit umgegangen ist - finde ich sehr gut. Auch wenn es jetzt leider starke Gegenreaktionen gibt."

Bei aller Weltoffenheit gibt es dennoch etwas, das Kürten vermisst: "Es ist nicht das Klima im Bergischen", sagt er schmunzelnd, ergänzt dann: "Es breitet sich eine unwahrscheinliche Freude in mir aus, wenn ich vom Flughafen ins Bergische Land fahre. Dann merke ich immer, wie mir die hiesige Natur fehlt." Alle zwei Jahre kann er diesen Akku ja immerhin ein bisschen aufladen.

Quelle: RP
 
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