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Remscheid
Ein Polizist auf trauriger Mission

Solingen. Peter Halbach ist Kriminalhauptkommissar. Er überbringt im Städtedreieck seit 19 Jahren Todesnachrichten. Was sie sagen und wie sie selbst mit der Belastung umgehen, das lernen die Beamten in Schulungen und Seminaren. Von Axel Richter

An den Anblick von Leichen hat Peter Halbach sich gewöhnt - und seien sie noch so übel zugerichtet. Für das Überbringen einer Todesnachricht aber gibt es für den Kriminalhauptkommissar keine Routine. "So oft ich es auch getan habe, es bleibt schwer", sagt der 52-Jährige. Und mancher Fall brennt sich tief ins Gedächtnis ein. Jener Tag etwa, als der Polizist und Familienvater den Tod eines zweijährigen Kindes untersuchen musste. "Aber die Mutter wollte den Kleinen einfach nicht aus der Hand geben", erzählt der Polizist: "Das bleibt im Kopf, das wird man nicht mehr los."

Halbach ist Polizist geworden, weil er den Menschen helfen will. Auf Remscheids Straßen fuhr er Streife, dann kam der Wechsel zum Kriminaldauerdienst beim Polizeipräsidium Wuppertal. Der Cronenberger, der aus taktischen Gründen nicht zu erkennen sein will, ermittelt nach Raub, Brandstiftung - und immer dann, wenn die Umstände, unter denen ein Mensch zu Tode gekommen ist, einer genauen Untersuchung bedürfen.

Das ist nach Mord und Totschlag der Fall, nach Selbsttötungen, aber auch nach Arbeitsunfällen und manchmal auch nach einem Sterbefall daheim oder im Krankenhaus, wenn sich die Mediziner selbst nicht ganz sicher sind. Das Überbringen der Todesnachricht ist eine hoheitliche Aufgabe des Staates, zuständig ist die Polizei. Die kommt dazu immer zu zweit ins Haus. Was sie sagen, wie sie das tun, wie lange die Polizisten bei den Hinterbliebenen bleiben und wie sie selbst mit der Belastung umgehen, das lernen die Beamten in Schulungen und Seminaren. Peter Halbach folgt klaren Regeln: "Ich bitte zunächst, hereinkommen zu dürfen. Ich frage: Können wir uns setzen?"

Die Menschen ahnen, dass sie eine furchtbare Nachricht erwartet, sie werden ungeduldig. Halbach weiß, dass er die Welt seines Gegenübers gleich zum Einsturz bringen wird. Bevor er zusammenbricht, hinfällt, mit dem Kopf aufschlägt, beharrt der Beamte darauf, Platz zu nehmen. Dann kommt der entscheidende Satz: "Ihr Sohn ist tot." Das Wort tot sei wichtig, sagt Halbach. "Es muss sofort klarwerden, worum es geht."

Die Menschen reagieren darauf unterschiedlich. Manche schreien, manche brechen zusammen. Die meisten bleiben stumm. "Solange die Polizei im Haus ist, sind die meisten Menschen ruhig und gefasst", erzählt Halbach: "Wir wissen aber auch: Sobald wir den Raum verlassen, brechen sie zusammen." Die Polizisten gehen deshalb nie aus dem Haus, ohne Verwandte, Freunde oder einen Notfallseelsorger bei den Angehörigen zu lassen.

Seit 19 Jahren gehören solche Besuche zu den Aufgaben des Dienstgruppenleiters beim im auch für Solingen zuständigen Polizeipräsidium Wuppertal. Mehr als 1000 Todesermittlungsverfahren hat Peter Halbach bearbeitet. Wie vielen Menschen er mitteilen musste, dass jemand nicht mehr lebt, weiß er nicht: "Ich versuche, die Dinge nicht mit nach Hause zu nehmen."

Der Kripo-Mann ist ein gläubiger Mensch. Auch das hilft. Vor allem, wenn Kinder gestorben sind oder die Eltern verloren haben, sagt er und erinnert sich an den Fall eines Remscheiders, der beim Sport tot zusammengebrochen war. Halbach und sein Kollege klingelten bei der Witwe, sahen zwei kleine Kinder, die auf den Papa warteten. Manchmal gerät der Beamte auf seiner traurigen Mission unter Zugzwang. Dann, wenn ihm jemand zuvorkommen könnte. "Vor Jahren war ein 17-jähriger Remscheider in Afrika tödlich verunglückt", sagte Halbach. Er informierte die trauernden Eltern gerade noch rechtzeitig, bevor der Fall die Runde machte.

Quelle: RP
 
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