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Remscheid
Eindringliches Spiel mit Thema Demenz

Remscheid: Eindringliches Spiel mit Thema Demenz
Vater André (Ernst-Wilhelm Lenik) wird von "einer Frau" (Maja Müller) im Rollstuhl geschoben. FOTO: Sabine Haymann
Remscheid. Das Theaterstück "Vater" des französischen Schriftstellers Florian Zeller begeisterte das Publikum im Teo Otto Theater. Von Wolfgang Weitzdörfer

Demenz ist ein schwieriges Thema, eines, das man nicht in erster Linie mit komödiantischen Elementen in Verbindung bringen würde. Genau das hat der französische Schriftsteller Florian Zeller aber getan und mit seiner Tragikomödie "Vater" einen wichtigen Beitrag zum Thema verfasst. Am Donnerstagabend war das grandios aufspielende Ensemble des Alten Schauspielhauses Stuttgart vor etwa 150 Zuschauern im Teo Otto Theater zu Gast und begeisterte mit seiner sowohl eindringlichen als auch lustigen Darbietung so sehr, dass es zum Schluss zu Begeisterungsrufen kam.

Im Mittelpunkt des etwa anderthalbstündigen Theaterstücks steht der 80-jährige André (herausragend in seiner Zerrissenheit: Ernst-Wilhelm Lenik). Der Vater von Anne (stark bis ans Limit: Irene Christ) war einst Ingenieur, stand mitten im Leben. Seit einiger Zeit jedoch ist der titelgebende "Vater" vermehrt durcheinander, vergisst Dinge, verlegt ständig seine Uhr und zeigt insgesamt erste Anzeichen einer Altersdemenz.

Das will er nicht einsehen, kämpft mit einer Vehemenz dagegen an, versteckt sich hinter einer Maske und tut alles, um seine Selbstständigkeit in der eigenen Wohnung zu erhalten. Tochter Anne und ihr Mann Pierre (mit der Situation überfordert: Benjamin Kernen) wollen dem Vater eine Pflegerin zur Seite stellen, die ihn unterstützt. Doch André vergrault eine Pflegerin nach der anderen.

Bis Laura (keck mit roter Baskenmütze: Juliane Köster) auftaucht, die scheinbar einen Nerv in dem alten Mann zum Klingen bringt und den Charmeur der alten Schule in ihm weckt. Gemeinsam trinken sie einen Aperitif, er erzählt ihr, dass er früher Stepptänzer war - und wickelt die junge Frau um den Finger. Und doch, der schleichende Abbau lässt sich nicht verhindert.

Und hier liegt die Genialität im Stück Zellers: Der Dramaturg wechselt ständig die Perspektive, schildert aber vor allem die Wahrnehmung Andrés. Was in einer zunehmenden Unsicherheit und Verzweiflung des alten Mannes mündet, als er immer wieder nach seiner - wie der Zuschauer bald ahnt - verstorbenen Tochter Elise fragt.

Oder wenn er Laura in einem seltenen Moment der Klarheit gesteht: "Ich merke, dass etwas mit mir passiert, dass ich lauter kleine Löcher im Gedächtnis habe. Das macht mir Angst." Oder wenn er frustriert wütend wird, als plötzlich "ein Mann" (geheimnisvoll: Tim Niebuhr) oder "eine Frau" (ebenfalls undurchsichtig: Maja Müller) in seiner Wohnung stehen und behaupten, Tochter und Schwiegersohn zu sein.

Neben den durchaus lustigen Momenten, die zwangsläufig entstehen, wenn André mit teils aberwitzigen Begründungen versucht, seine Ausfälle zu kaschieren, sind es besonders die kleinen Momente, die berühren. André ist verzweifelt, weil er nicht mehr weiß, was wahr und was Einbildung ist. Er weint, Tochter Anne steht zuerst hilflos daneben, dann tröstet sie ihn in einer Vater-Tochter-Umkehrung, nimmt den alten Vater in den Arm, gibt ihm dann zu essen und sagt leise: "Mein kleiner Papi." Da stockt dem Zuschauer der Atem und man bekommt ein Gefühl für die Zerbrechlichkeit und die Unausweichlichkeit des Lebens, das der Mensch eben doch nur in Grenzen beeinflussen kann.

Das eindringliche, anrührende und insgesamt hervorragende Spiel des Ensembles mündet schließlich darin, dass André in eine Pflegeeinrichtung muss. Und dort findet er noch einmal wundervoll poetische Worte für seinen Zustand. Beim Spaziergang mit der Pflegerin im Park blickt er in die Sonne und sagt traurig, aber auch annehmend: "Ich habe das Gefühl, dass ich alle meine Blätter verliere, eins nach dem anderen."

Die Sprachlosigkeit ob dieser so wahren wie grausamen Beschreibung weicht schnell der Erkenntnis, gerade ganz großes Theater erlebt zu haben. Ein Stück, eine Darbietung, die einen nicht unberührt aus dem Saal hat gehen lassen.

Quelle: RP
 
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