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Analyse
Eine Baumschutzsatzung für die Kultur

Remscheid. Es gehört für viele Remscheider nicht mehr zum Lebensstil, regelmäßig ins Theater zu gehen oder ein Konzert zu besuchen. Das mag man bedauern. Aber der "guten alten Zeit" nachzutrauern, verfängt nicht als Argument. Von Christian Peiseler

Die Finanzierung der Kultur gehört zu den freiwilligen Aufgaben einer Kommune. Es gibt kein Recht der Bürger auf eine kulturelle Grundversorgung vergleichbar mit einem Recht auf einen Platz im Kindergarten oder dem Anspruch auf Transferleistungen. Da Remscheid unverschuldet zu den Kommunen gehört, die lange Zeit mehr Geld ausgaben, als sie einnahmen, steht die Kultur unter einem ständigen Rechtfertigungsdruck. Jahr für Jahr. Haushaltsrunde für Haushaltsrunde. Vor allem das Orchester. Es kostet die Stadt mehr als zwei Millionen Euro im Jahr. Ganz schön viel Geld. Es ist daher legitim zu fragen, ob die kulturellen Angebote nicht für einen geringeren Preis zu haben sind.

In den vergangenen zwanzig Jahren haben die Politiker diese Frage immer mit einem "Ja" beantwortet. Doch bevor die nächste Sparrunde mit einem "Ja" oder einem "Nein" beantwortet wird, sollten die Politiker und Bürger mal grundsätzlich überlegen, welche Kulturangebote für Remscheid noch die Richtigen sind in diesen Zeiten? Welche Erwartungen stellen die Besucher an das Programm des Teo Otto Theaters? Brauchen wir überhaupt ein Orchester? Muss die Stadt unbedingt eine eigene Musikschule betreiben? Ist es sinnvoll, in den Umbau des Hauses Cleff viel Geld zu stecken? Kann man sich die Unterstützung des Westdeutschen Tourneetheaters mit 100. 000 Euro pro Jahr nicht sparen? Warum brauchen wir das alles heute noch?

Am Zuspruch für das Programm der Symphoniker lässt sich symptomatisch ablesen, wie sich die Interessen in den vergangenen Jahren verändert haben. Während der Zeit des Generalmusikdirektors Christoph Stepp in den 80er Jahren beschloss der Kulturausschuss einen zusätzlichen Termin für die Philharmonischen Konzerte, damit auch Nicht-Abonnenten eine Karte bekommen konnten. 30 Jahre später besuchen in der Regel 300 Zuhörer das monatliche Konzert. Die Zahl der Menschen, die in Remscheid klassische Musik hören, wird weniger. Das ist eine Tatsache. Es gehört für viele Bürger nicht mehr zum Lebensstil, regelmäßig ins Theater zu gehen oder ein Konzert zu besuchen. Das mag man bedauern. Aber der " guten alten Zeit" nachzutrauern, verfängt bei einer politischen Diskussion nicht als schlagkräftiges Argument. Vor diesem Hintergrund darf Kulturpolitik nicht in den Verdacht geraten, "nur" die Interessen einer kleinen Gruppe von Bildungsbürgern zu befriedigen. Sie muss möglichst viele von den Menschen und Politikern überzeugen, die noch nie eine Karte fürs Teo Otto Theater gekauft haben. Und davon sitzen in den Entscheidungsgremien jede Menge.

Der Verfasser dieser Zeilen tritt gerne als Zeuge auf für die Bedeutung einer lebendigen Kultur in Remscheid. Ohne die Aufführungen und Konzerte im Teo Otto Theater wäre mein Leben entschieden anders verlaufen. Mit weniger Erkenntnisgewinn, mit weniger unterhaltsamen Stunden und lustvollen Momenten, trotz mancher durchlittenen Aufführung. Ich verdanke ihm viel. Das Theater heute gleicht nicht einer alten Schreibmaschine, die ins Antiquariat gehört. Es lebt, wenn es gutes Theater ist, von der Nabelschnur zur Wirklichkeit. Es versteht sich als ein Ort, an dem sich Menschen treffen, um in bedingungsloser Offenheit auch darüber nachzudenken, wie man in dieser Gesellschaft zusammenleben will.

Um das Angebot in seiner heutigen Form zu erhalten und zu entwickeln, müssen mehr Menschen für einen Stärkungspakt Kultur eintreten, dafür, dass es sich lohnt, weiterhin Geld in die Kultur zu investieren. Auch in Zeiten knapper Kassen. Die Remscheider Kultur verdient und braucht Unterstützung mit leidenschaftlicher Vernunft, ohne moralischen Unterton. Als in Lennep kürzlich bei Bauarbeiten ein alter Baum gefällt wurde, der niemals hätten gefällt werden dürfen, war der Aufschrei groß. Schon im Vorfeld für die Bauarbeiten an den Grundstücken des Gesundheitshauses in Hasten melden sich aufmerksame Bürger, die gerne die beiden kanadischen Zedern erhalten wissen möchten, obwohl diese gar nicht unter die Bauschutzsatzung fallen. Ein paar Bäume mehr oder weniger, wären eigentlich nicht der Rede wert. Aber die Anwohner möchten diese Bäume erhalten, weil sie schön sind. Diese Schönheit erfreut sie. Im neuen Bebauungsplan soll dieses Bedürfnis nach Schönheit nun gesichert werden. Das Orchester und die Kultur sind wie ein Baum, für den es keine Baumschutzsatzung gibt. Wenn sich Bürger finden, die sich zum Orchesterbaum bekennen, die bezeugen, dass es schöner ist für alle Remscheider, in einer Stadt zu leben mit vielen Kulturbäumen, lässt sich das wirtschaftlich Notwendige mit dem Wünschenswerten vereinen. Für die Förderung der Kultur gibt es keine wirtschaftlichen Argumente, sondern letztlich nur den Verweis auf die eigenen ästhetischen Erlebnisse mit ihrer bildenden Kraft.

CHRISTIAN PEISELER

Quelle: RP
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