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Ansichtssache
Eine gute Idee schafft eine neue Ungerechtigkeit

Remscheid. Wie soll man es Eltern erklären, dass ihre Kinder nicht wie die Flüchtlingskinder gratis in einer Band an der Musikschule spielen dürfen ? Das neue Konzept hinterlässt einen faden Beigeschmack. Von Christian Peiseler

Der Umzug der Musik- und Kunstschule (MKS) aus der Böker-Villa in die Häuser an der Scharffstraße ist unter einem doppelten Gesichtspunkt zu betrachten. Einerseits setzt er einen kulturpolitischen Akzent, andererseits steht er auch für ein sozialpolitisches Experiment mit ungewissem Ausgang.

Die neuen Räume für die MKS an der Scharffstraße gibt es nur, weil das Land 690.000 Euro spendiert für den Aufbau einer Kultureinrichtung, die gleichzeitig als Integrationspunkt für Flüchtlinge dienen soll. Kann das gut gehen?

Wahrscheinlich werden die Mitarbeiter der Musik- und Kunstschule erst in dem Augenblick an einen Umzug aus der über die Jahre zerfallenen Böker-Villa glauben, wenn sie die ersten Unterrichtsstunden in neuer Umgebung gegeben haben. Sie haben es verdient. Vor ein paar Jahren schien nach dem Abgang des verdienstvollen MKS-Leiters Thomas Holland-Moritz ihre Existenz gefährdet. Nun ziehen sie in ein sehr attraktives Gebäude im Zentrum der Stadt ein. Die Kultur macht Pluspunkte bei der Infrastruktur, auch wenn dafür eine Galerie geopfert werden musste. Alles gut, gäbe es da nicht ein Konzept mit sozialpolitischem Sprengstoff.

Die Idee, Flüchtlingskinder über die Teilnahme an Malkursen, Chorstunden oder Bandprojekten in Remscheid zu integrieren, hat bezwingenden Charme. Das ist die glitzernde Seite der Vorstellung von einem Begegnungszentrum als Integrationstreffpunkt für Flüchtige. Doch wie soll man es einer alleinerziehenden Mutter erklären, dass ihre Kinder nicht wie die Flüchtlingskinder umsonst in einer Band spielen dürfen oder den Malkursus der Kunstschule besuchen können? Oder einem Familienvater von drei Kindern, dem das Geld fehlt für den Musikunterricht, weil er nicht noch einen Job annehmen kann? Das Konzept hinterlässt einen faden Beigeschmack.

Denn die alleinerziehende Mutter und der Familienvater werden sich benachteiligt fühlen so, als stünden sie in einer Menschen-Schlange, in der sich immer wieder einer vordrängelt und sie nicht zum Zuge kommen.

In einer Stadt wie Remscheid, in der immer mehr Kinder von Armut bedroht sind und Zweidrittel der Eltern das Geld für ein Mittagessen im Kindergarten nicht aufbringen können, muss man sehr aufpassen, nicht eine solche soziale Schieflage zu produzieren. Alle Kinder haben das Recht auf kulturelle Teilhabe, unabhängig vom Elternhaus, unabhängig davon, ob sie Flüchtlinge sind oder nicht. Das Gleichheitsgebot wird hier verletzt. Mit guter Absicht. Aber verletzt.

Außerdem wird es kein leichter Weg sein, überhaupt Flüchtlinge für die Kurse zu interessieren. Das lehren die Erfahrungen mit dem Bundesteilhabe-Gesetz, das Kindern aus bildungsarmen Schichten finanziell helfen sollte, in einen Verein zu gehen oder ein Instrument zu lernen. Diese gute Idee ist grandios gescheitert. An der Bürokratie und an der Schwierigkeiten, die Menschen überhaupt zu erreichen.

Die Mitarbeiter des Kommunalen Bildungszentrums sind in der Pflicht, die MKS als Begegnungsstätte zügig zu entwickeln. Keine leichte Aufgabe. Ein paar Vorzeigeflüchtlinge reichen da nicht aus. Werden nicht stattliche Besucherzahlen erreicht, erhärtet sich der Verdacht, die Idee für eine Musik- und Kunstschule als Integrationszentrum nur entwickelt zu haben, um an Fördertöpfe zu kommen.

Das Geld für den Umzug fehlte der Stadt nämlich. Aus einem Vorzeigeprojekt würde eine schlitzohrige Peinlichkeit.

Quelle: RP
 
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