| 00.00 Uhr

Remscheid
Experten-Wahn aufs Korn genommen

Remscheid: Experten-Wahn aufs Korn genommen
Richard Rogler zeigte sich in der Lenneper Klosterkirche in Höchstform, wenn es um kabarettische Speerspitzen gegen Politik und den Zeitgeist geht. FOTO: Gerald Kastgen
Remscheid. Kabarett-Altmeister Richard Rogler begeisterte in der Klosterkirche mit bissigen Pointen und politischem Witz. Von Wolfgang Weitzdörfer

Eine leere Bühne, darauf ein schwarzer Tisch, dahinter ein Stuhl. Auf dem Tisch steht ein Glas Wasser. Minimalismus in der Dekoration, doch mehr braucht Kabarett-Altmeister Richard Rogler auch nicht, als er am Freitagabend in der sehr gut besuchten Klosterkirche auf die Bühne kommt und das Publikum herzlich zu "unserem kleinen Kabarett-Abend" begrüßt.

Und er hat es direkt wieder auf den Irrsinn unserer Zeit abgesehen: "Ständig wird man heute vor irgendwas gewarnt, was man nicht mehr machen soll. Tee soll man nicht mehr trinken, Wurst nicht mehr essen", sagt er etwa. Wobei letzteres für ihn ja unmöglich sei, schließlich sei er ja im Umfeld von 25 verschiedenen Sorten Presssack in Oberfranken aufgewachsen. Allerdings würde die Richtigkeit der Warnungen ja immerhin stets von Experten untermauert: "Ich glaube ja, dass wir mittlerweile in Deutschland mehr Experten als Einwohner haben", so Roglers knochentrockener Kommentar dazu.

Warnungen gehen ja schon immer einher mit Angst. Und die habe in Deutschland heutzutage Hochkonjunktur, sagt Rogler: "Deswegen gibt es ja auch gewerbsmäßige Politikbetrüger wie die von der AfD." Da falle einem nur der Ausspruch Albert Einsteins ein: "Nichts gibt einem ein besseres Gefühl von der Unendlichkeit als die menschliche Dummheit." Spiel, Satz, Sieg für Rogler. Die Pointen des 68-Jährigen sitzen nach vielen Jahrzehnten im Kabarettzirkus immer noch treffsicher. Nochmals holt er zum Thema Experten aus: "Bei all den Expertenmeinungen stelle ich mir immer öfter die Frage: Wer war eher da - das Problem oder der Experte?" Rogler mag die freie Rede, das freie Wort. Daher hat er sich entschieden, im Privaten mal wieder ein wenig mehr zu provozieren. Und so hat er sich Visitenkarten drucken lassen, auf deren Rückseite zu lesen ist: "Ich bitte meine offen ohne Rücksicht auf Verluste vorgetragene Meinung im Voraus zu entschuldigen", dazu ergänzt er: "Man muss es nur im Vorfeld sagen, dann geht das." Aber auch hier geht die Angst um: "Man traut sich ja nicht mehr, sich daneben zu benehmen - dazu muss man schon ein öffentliches Amt innehaben oder Politiker sein", sagt er in seiner unnachahmlich-knurrigen Art, die zu dieser Art der freien Rede perfekt passt.

Freie Rede tut auch mal ein bisschen weh - aber so muss das im politischen Kabarett schließlich sein. Der Finger gehört in die Wunde, und wenn's wehtut, dann ist's erst richtig gut. Etwa wenn er sich über die Bundestagsvizepräsidenten echauffiert: "Claudia Roth - ja, die Claudia ist ja immer mit dabei. Ulla Schmidt war das ja auch mal, dieses fleischgewordene Placebo. Wer die Grenzen seiner Inkompetenz überschritten hat, ist eben für jedes Amt verfügbar."

Nicht nur das Publikum hat bei all diesen satirischen Sticheleien seinen Spaß, auch der Chef selbst ist gut drauf: Denn Rogler freut sich immer wieder selbst über seine gelungenen Pointen. Etwa wenn er mit Lausbubengrinsen sagt: "Ich bin dafür, dass Ehepaare, die mehr als 35 Jahre verheiratet sind, zu Märtyrern erklärt werden."

Oder wenn er grinsend die gute Laune der SPD für verdächtig hält: "Was sagt die SPD dazu? - Schulz! Die SPD sagt nur noch: Schulz! Zu allem sagt sie: Schulz!" Weil gute Laune ansteckend ist, überrascht es nicht, dass das Publikum lacht und dankbaren Applaus spendet. So schön kann der alltägliche Irrsinn sein, wenn er so gut verpackt, eben nach Roglers Art, daherkommt.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Remscheid: Experten-Wahn aufs Korn genommen


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.