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Remscheid
Gefangen im Netz der Bilder und der Töne

Remscheid. Die Wuppertaler Bühnen zeigen die Video-Oper von Steve Reich und Beryl Korot. Großartige Aufführung. Von Christian Peiseler

Ungewöhnlich. Exzellent. Mutig. Berthold Schneider, der neue Chef der Wuppertaler Oper, startet auf der Hinterbühne des Barmer Opernhauses in die neue Saison. Dort sitzt ein kleines Ensemble aus Orchestermusikern mit fünf Sängerinnen und Sängern. Zwei große Leinwände flankieren den Raum. Die Zuschauer nehmen auf weißen Drehstühlen Platz. Ihre Blicke wandern, mal zu den Musikern, mal zu den Leinwänden, mal zu den Übersetzungen der englischen Texte auf den kleinen Monitoren. Und vor allem hören sie dieser konzentrierten, intensiven, aufwühlenden Musik des Amerikaners Steve Reich zu. Nach einer Stunde und zehn Minuten verlässt man die Oper anders als man hineingegangen ist. Etwas klüger und etwas beunruhigter.

Mit "Three Tales" aus dem Jahr 2002 haben der Protagonist der Minimal Music Steve Reich und die Videokünstlerin Beryl Korot eine atemberaubende Video-Oper geschaffen, in der der menschlichen Stimme eine im Vergleich zur "herkömmlichen" Oper völlig neue Rolle zukommt. Aus Interviews und Gesangsaufnahmen gewonnene und manipulierte Sprachmelodien wurden in das pulsierende Reichsche Klanguniversum eingearbeitet. Alles andere als minimalistisch stellt sich allerdings der thematische Inhalt der Oper dar. Mit den "Three Tales" sind drei maßgebliche Ereignisse des 20. Jahrhunderts gemeint: die Hindenburg-Luftschiff-Katastrophe, die Atombombentests auf dem Bikini-Atoll und das Klonen des Gen-Schafs Dolly.

Die Bilderwelt von Beryl Korot verzahnt historische Aufnahmen und Sequenzen von den Wendepunkten in der Menschheitsgeschichte zu fiebrigen und sentimentalen Collagen. Der Aufbau ist klar, trotz aller Überblendung, ihre Stimmung stets nervös und an die sich wiederholenden Rhythmus der Musik gekoppelt. So wie sich die Klangfolgen wiederholen, so springen auch die Bilder immer wieder zurück in eine bekannte Spur. Die Wiederholung als Strukturprinzip dient als ein Mittel der Steigerung und der Vertiefung. Was bedeutet der technische Fortschritt angesichts der brennenden Hindenburg? Welche Verantwortung trägt der Mensch für seine Erfindungen? Lösen Computer den Menschen bald ab? Die Video-Oper verhandelt komplexe Themen. Sie stellt mit jedem Takt Fragen. Das Netz der Töne lässt sich nicht bequem abstreifen. Ein Drama entsteht, vor Augen und im Kopf. Ein Drama, dessen letzter Akt noch nicht geschrieben ist. Als das Licht angeht, hat sich der Blick auf die Welt verändert.

Quelle: RP
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