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Remscheid
Geschichtspflege - Schüler polieren Stolpersteine

Remscheid. Die Reinigung dauert keine fünf Minuten: Runter auf die Knie, Metallpolitur gegriffen, ein paar Spritzer auf den Stein, mit der sehr feinen Stahlwolle vorsichtig einreiben und mit einem trockenen Tuch nachreiben. Schon glänzt das Messing im Gehweg wieder. Johann Max Franzen hat sich sieben Jahre lang um die Pflege der Stolpersteine gekümmert. Er weiß, wo die 180 Steine in Remscheid liegen, die an die Opfer des Nazi-Regimes erinnern. Von Anna Mazzalupi

Weil aber Rücken und Knie des 74-Jährigen nicht mehr mitmachen, muss er die Aufgabe weiterreichen. Mit den Schülern des Leibniz-Gymnasiums hat er Paten für Lüttringhausen gefunden. Insgesamt sechs Schulen kümmern sich künftig um die Pflege der Stolpersteine im gesamten Stadtgebiet, damit die Erinnerung an die Deportation von Juden, Homosexuellen, politisch Verfolgten oder Euthanasieopfer nicht verblasst und kommende Generationen über dieses düstere Kapitel aufgeklärt werden. Gestern zeigte Franzen der Klasse 9b des Leibniz-Gymnasiums, wie man die Steine, die der Kölner Künstler Gunter Deming imitierte, säubert, damit sie auffallen. "Ich bin froh, dass das in der Schule Thema ist. Als ich 1950 in die Volksschule kam, hörte die Geschichte bei 1932 auf und ging erst bei 1945 weiter", erinnert sich der engagierte Senior.

Immer, wenn er einen der Steine reinigte, gab es Interessierte, die nach der Bedeutung fragten. Gerade Jugendliche erlebt er als aufmerksam und dankbar. "Es ist wichtig, die Schüler dafür zu sensibilisieren und zu zeigen, dass es zum Beispiel auch viele Menschen hier in Lüttringhausen betroffen hat", erklärt Geschichtslehrerin Friederike Hübner. Künftig zwei Mal im Jahr rücken sowohl Neuntklässler als auch Oberstufenschüler aus, um Lappen und Politur zur Pflege an den acht Steinen in Lütterkusen zu verwenden. Ein Stück der deutschen Geschichte wird so erfahrbarer und greifbarer für die Jugendlichen. "Das Besondere in Lüttringhausen ist, dass das Augenmerk hier auch auf "vergessene" Opfer gelegt wird", ergänzt Hübner.

Der Stein am Lüttringhauser Rathaus ist dem Ratsherrn, Kommunisten und Widerstandskämpfer Hermann Schmidt gewidmet. In der Richard-Pick-Straße wurde ein Stein für Hans Hagen gesetzte, der aufgrund seiner Homosexualität und des Paragraphen 175 verfolgt und getötet wurde. Am Eingang zum Hauptgebäude der Stiftung Tannenhof wird zweier Euthanasieopfern gedacht. "Es ist gut, dass man sowas sieht und stehenbleibt. Man liest es sich durch und erfährt so mehr", sagt Schülerin Janna (15). Klassenkameradin Michelle (15) half Franzen bei der Reinigung. "Ich habe jetzt ein gutes Gewissen, weil ich dabei geholfen habe, dass man es wieder sieht", fügt sie hinzu.

Quelle: RP
 
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