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Remscheid
Gesungener Widerstand gegen die Nazis

Remscheid. Die Remscheiderin Doris Werheid hat ein Buch über verbotene Jugendbewegungen geschrieben. Von Cristina Segovia-Buendía

Zu einem musikalischen Exkurs in die Vergangenheit lud am Wochenende die SPD ein: Unter dem Titel "Gefährliche Lieder - Gefährliche Jugend?" präsentierten die beiden Buchautoren Doris Werheid und Jörg Seyfarth sowohl Lieder der in der NS-Zeit verbotenen Jugendbewegungen als auch Aussagen von Zeitzeugen aus der Region, die sich als Jugendliche dem Regime durch ihre Unangepasstheit und Mitgliedschaft in der Bündischen Jugend widersetzten.

Es sind aus heutiger Sicht harmlos klingende Lieder: Texte von Wanderungen und Reisen, mit typischen Melodien altdeutscher Volkslieder. Was konnte daran nur so gefährlich sein, dass sie unter dem Naziregime verboten wurden?

Dieser Frage gingen die Remscheiderin Doris Werheid und ihr Kollege Jörg Seyyffarth nach. Bei ihrem rund zweistündigen Vortrag, sangen sie nicht nur viel mit den rund 50 Anwesenden, sondern berichteten auch über Erinnerungen von Zeitzeugen, die sie in den letzten Jahren für ihr gemeinsam erarbeitetes Liederbuch "Gefährliche Lieder: Lieder und Geschichten der unangepassten Jugend im Rheinland 1933-1945" interviewt hatten. Einer dieser Zeitzeugen, Günter Böning aus Ronsdorf, war an diesem Abend anwesend. Zwar ergriff er zu keinem Zeitpunkt des Vortrags selbst das Wort, dennoch war es bewegend, ihn dabei zu beobachten, wie der 87-Jährige aufmerksam und berührt dem Vortrag folgte und mit welchem Elan er die verbotenen Lieder seiner Jugend sang.

Die Unangepasstheit der Bündischen Jugendbewegung, die schon nach dem Ersten Weltkrieg als revolutionäres Jugendprojekt entstand, war dem Regime von Adolf Hitler ein Dorn im Auge. Mit ihren Ausflügen in die Natur, den Wanderungen, Fahrten und ihren Liedern bildeten sie den Gegenpol zur Hitlerjugend. Sie wurden verboten. Ihre Lieder, ein wichtiges Erkennungsmerkmals ihrer Bewegung, kamen auf den Index oder wurden von der Hitlerjugend selbst übernommen und instrumentalisiert.

"Die meisten Lieder entstanden zwischen 1920 und 1945", erklärte der Lehrer für Englisch und Geschichte aus Düsseldorf. "Es sind freiheitsliebende Lieder einer weltoffenen und romantischen Jugendkultur.

Günter Böning, so erzählte Werheid in ihrem Vortrag, gehörte ab 1941 der illegalen Bündischen Jugend an. Sie unternahmen Ausflüge an die Bever-Talsperre, nach Marienheide und sangen dabei ihre Lieder: "Sie fühlten sich frei", zitierte ihn die gelernte Ergotherapeutin.

Später wurde Böning als Flakhelfer eingezogen. "Die Verbindung mit der Natur, und alles andere, was nicht mit Schießen und Krieg zu tun hatte, das war für uns damals wirklich erstrebenswert."

Quelle: RP
 
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