| 00.00 Uhr

Geschäfte im Bergischen
Grüße aus der Zeit ohne Handy und Internet

Geschäfte im Bergischen: Grüße aus der Zeit ohne Handy und Internet
Freya Stock hat den Friseursalon ihrer Mutter übernommen. Der Betrieb existiert seit 100 Jahren an der Eberhardstraße. FOTO: Fotos (5) Peter Meuter
Remscheid. Im Bergischen Land existieren noch einige Geschäfte, die vom Charme der alten Zeit erzählen. Meist sind es Familienbetriebe. Von Christian Peiseler (Text) und Peter Meuter (Fotos)

Der Schriftzug "Salon Freya" auf dem Reklameschild am Eingang ist verblasst. Es hängt seit über 50 Jahren vor der Türe des Friseursalons. Sein freundlicher Charme ist mit den Jahren etwas abgeblättert. Die Lederbezüge der Stühle schimmern hellrosa, der graue Linoleumboden zeigt einige Gebrauchsspuren, die Trockenhauben weisen fast musealen Charakter auf. Eine breite Spiegelwand zieht sich durch den großen Raum, den ein weiß gestrichener Fachwerkbalken unterteilt. Die übliche Dauerberieselung aus dem Radio gibt es nicht.

Im Friseursalon von Freya Stock ist die Zeit stehengeblieben. Die gute alte Zeit, als der Alltag der Menschen noch nicht so gehetzt und gedrängt ablief wie heute. Ihr Friseursalon ist nicht das einzige Geschäft im Bergischen, das an ein Leben ohne Internet, Handy und Bezahlfernsehen erinnert. Seit hundert Jahren gibt es einen Friseur an der Eberhardstraße 15 in Remscheid. Er lebt von der Stammkundschaft. Freya Stock hat den Betrieb an ihre Tochter übergeben. Ob die Kunden nicht ein modernes Ambiente verlangten? "Nein, es hat sich noch nie jemand beklagt", sagt Stock.

FOTO: Peter Meuter

Über zu viele Zusatzstoffe im Brot klagen heute manche Kunden. Ohne Farbstoff und Konservierungsmittel kommt Ulli Herrmann aus, Bäcker aus Wermelskirchen. Der Meister besitzt ein eingebundenes Notizbuch. Auf der Rückseite klebt noch ein DM-Preisschild. Dieses Buch enthält alle "Geheimrezepte". Er hat es von seinem Lehrer geschenkt bekommen. Die ersten Einträge stammen aus dem Jahr 1956. Herrmann führt den Laden seit 1999, in fünfter Generation. Er gehört zu den wenigen Bäckern, die handgemachte Brötchen herstellen, vom Anrühren des Teigs in uralten Maschinen bis zum Rollen und Schlitzen per Hand. Ein Brötchen packt Herrmann insgesamt achtmal an. Den Unterschied schmeckt man deutlich.

FOTO: Peter Meuter

Medikamente von Hand herstellen kann Rüdiger Wüsthoff in seiner Apotheke in Honsberg in Remscheid. Vor vier Jahren hat er das Geschäft übernommen. Hinter der Ladentheke befindet sich ein Raum mit alten Reagenzgläsern und Tinkturflaschen. Er besitzt alte Formen, um Tabletten und Zäpfchen anzurühren. Seine vielen Stammkunden gehen in der Stadt zum Arzt und holen sich ihre Medikamente in Honsberg.

Spezialisten ihrer Zunft (v.l.): Der Solinger Jens Bederke kennt sich mit Stoffen und Nähmaschinen aus. Der Wermelskirchener Ulli Herrmann formt die Brötchen noch mit der Hand. Die Radevormwalderin Helga Büscher betreibt einen Feinkostladen alten Schlages und der Remscheider Apotheker Rüdiger Wüsthoff kann Medikamente noch selber herstellen. FOTO: Peter Meuter

Jens Bederke hat für jede Frau ein offenes Ohr und behebt kleine Probleme mit der Nähmaschine direkt vor Ort. Die Kunden müssen zwar warten, das tun sie aber gerne. Die Fachkompetenz des Solingers ist beeindruckend. Er berät, was Spannungen von Fäden angeht, Nähmuster oder Verarbeitung von verschiedenen Stoffen. Er baut mal eben Maschinen um, um die Arbeit der Damen praktischer zu gestalten. Junge Kundinnen, die anfangen wollen zu nähen, klärt er über die Modelle von gebrauchten Maschinen auf. Früher beherbergte der Laden eine Näherei. Ein Familienbetrieb. 1993 gab Bederke die Näherei auf, um sich auf den Fachservice zu konzentrieren.

FOTO: Peter Meuter

Die gute Beratung beim Einkauf steht auch im Zentrum des Feinkostladens von Helga Büscher in Radevormwald. Seit 60 Jahren existiert dieser ehrwürdige Tante-Emma-Laden in Engstfeld. Von den Stammkunden alleine kann sie nicht mehr leben. Deshalb bietet sie auch Mittagstisch und Partyservice an. So gemütlich wie bei ihr ist es in keinem Supermarkt.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Geschäfte im Bergischen: Grüße aus der Zeit ohne Handy und Internet


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.