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Interview mit Michael Dierks
"Haus Eifgen hat eine eigene Atmosphäre"

Wermelskirchen. Musikkultur im Haus Eifgen: Mit diesem Ziel startete die Kulturinitiative vor einem Jahr. Bis heute haben sich die Konzerte einen Namen gemacht.

Sie haben neues Leben ins Haus Eifgen gebracht - musikalisches Leben: Am 2. Februar dieses Jahres eröffnete die Kulturinitiative "Kult in WK" das alte Gebäude mit neuen Ideen. 5400 Gäste sind seitdem dem Charme des Konzepts und des Veranstaltungsortes erlegen. Das gilt nicht zuletzt für den Vorsitzenden und das Herz der Initiative: Michael Dierks.

Michael Dierks hat als Vorsitzender der Kulturinitiative "Kult in WK" gemeinsam mit seinen Kollegen das Haus Eifgen mit neuen Ideen versorgt. Mit Erfolg: 5400 Gäste haben seither die Veranstaltungen besucht. FOTO: Theresa Demski

Herr Dierks, im Winter ist es stressig und wird früh dunkel. Sie sitzen hier, im gemütlichen Haus Eifgen. Wie ist Ihre Gefühlslage?

Michael Dierks Wenn ich hier reinkomme, freue ich mich. Immer noch - selbst nach einem Jahr. Das macht immer etwas mit mir, denn dieses Haus hat eine eigene Atmosphäre. Und wenn ich mich hier umsehe, dann bin ich immer wieder froh, dass und wie wir es als Verein hinbekommen haben.

Wie viel Mut gehörte dazu, als Verein dieses Projekt in Angriff zu nehmen?

Dierks Vor genau einem Jahr haben wir hier in der kalten Bude gesessen. Als Vorstand sind wir durch das Haus gegangen, und ich habe mich sofort verliebt. Man sah die Herausforderungen. Das Haus hatte ja ein Jahr lang leergestanden, aber wir erkannten auch die Möglichkeiten. Ich sah die Jazz-Sessions und Blues-Abende. Aber nach dem ersten Mitgliedertreffen waren wir erstmal der Meinung: Das ist eine Nummer zu groß für unseren kleinen Verein.

Sie haben es aber trotzdem gemacht.

Dierks Der Vorstand sollte ein Betreibungskonzept für die Probezeit entwickeln. Ich hatte zwar Feuer gefangen, wusste aber, dass die Entscheidung offen war. Ich schlug vor, klein anzufangen, zunächst nur den kleinen Saal für den Blues zu nutzen. Und dann spielte auch noch Hauseigentümer Herbert Ante mit: Keine Miete, wir zahlen lediglich Nebenkosten für die Veranstaltungstage, und das Haus steht weiterhin zum Verkauf. So konnten wir nichts verlieren, es gab kein wirtschaftliches Risiko. Also vereinbarten wir eine Probezeit bis September und ahnten nicht, welchen Weg das alles gehen würde. Drei Wochen später haben wir eröffnet. Wahnsinn!

Was haben Sie damals in dem Projekt gesehen? Was hat Sie angetrieben?

Dierks Der Stadt fehlte eine freie und offene Kulturstätte mit einem Programm, von dem niemand leben muss, und das sich auch Flops leisten kann. Deswegen sollten wir Experimente wagen können. Die Zeit ist so schnelllebig, wir werfen rasch gute Dinge und Ideen über Bord. Wir wollten nicht zuerst die Frage stellen: "Was kostet das?", sondern wollen bezahlbare Kultur an einem Ort, der Geschichten erzählt. Nicht in Konkurrenz zu Veranstaltern, die davon leben. Genau das unterscheidet uns. Durch die ehrenamtliche Arbeit können wir niedrige Besucherzahlen verkraften.

Das Konzept scheint gefruchtet zu haben: Bei dem kleinen Raum und ein bisschen Blues ist es jedenfalls nicht geblieben.

Dierks Ja, das stimmt. Bereits während der ersten Arbeiten wurde das deutlich, vieles fügte sich einfach zusammen. Einen Hausmeister fanden wir auf wunderbare Art in meinem lang vergessenen Freund Hans Pils. Er zog im Eifgen ein und kümmert sich seitdem um das Haus. Mitglieder und Freunde des Vereins halfen bei der Technik, der Inneneinrichtung und der Handwerksarbeit. Familie Mohr managt den Thekendienst. Jeder hat sein Spezialgebiet und bringt sich ein. Viele Menschen haben hier uneigennützig Einsatz gezeigt und tun es noch.

Nische oder Mainstream? Wie verstehen Sie sich musikalisch?

Dierks Auf jeden Fall Nische. Das sieht der Verein als seinen Auftrag. Keine Ü 30-Partys, egal wie viele Anfragen kommen. Wir wollen ein anderes Programm, das ist allerdings breitgefächert. Hier gibt es genauso offene Bandproben mit ein paar interessierten Zuhörern wie große Konzerte mit mehr als 180 Gästen - so wie bei der Jazz-Night im April. Als wir im Januar das Haus vorbereitet haben und Les Searle (Anm. d. Red.: Ehemaliger Organisator der Jazz-Nights in der Kattwinkelschen Fabrik, der 13 dieser Veranstaltungen sowie zahlreiche sonstige Musik-Events organisierte, bis er Anfang 2010 nach eigener Aussage "herausgeworfen" wurde) in der alten Fabrik die Theke schrubbte, sagte ich: "Les, zum 80. Geburtstag schenken wir dir eine Jazz-Night." Danach haben wir Veranstaltungen wie aus der Gießkanne regnen lassen. Wir wollten viel ausprobieren, um zu sehen, was funktioniert.

Und was funktionierte?

Dierks Wir hatten insgesamt 80 Musikveranstaltungen unterschiedlichster Art in den vergangenen zehn Monaten. Die Jazz-Night, die Blues-Session, der Beginn einer Jazz-Matinee-Reihe. Jede Woche mittwochs stellen sich neue Künstler vor: Minnie Marks, Don Alder und weitere Künstler, wie in einem richtigen Musikclub. Der australische Hammond-Orgel-Künstler Lachy Doley hat auch schon bei uns gespielt. Außerdem waren unter anderem die bekannten Wasserfuhr-Brüder aus Hückeswagen und John Lee Hooker Junior zu Gast. Mitten in den Sommferien fanden Blues- und Rockkonzerte mit 180 Besuchern statt. Die Liste ist lang, und irgendwie hat alles funktioniert.

Und wenn die Reihen bei Veranstaltungen mal leerer sind, werden Sie dann nervös?

Dierks Das tut mir dann nur leid für die Musiker. Wir halten das aber aus. Wir wissen, dass manche Dinge Zeit brauchen, und wir halten durch. Es gab Abende mit sehr wenigen Zuhörern, aber weil die Künstler merkten: "Die machen das mit Herz", verzichteten manche sogar auf ihre Gage. Wir geben hier alles. Der Gast soll sich wohlfühlen. Und auch für die Musiker decken wir den Tisch: Dank einiger großzügiger Spenden haben wir alles hier, was sie brauchen. Sie müssen nur noch die Instrumente anschließen. "Kult in WK" hat sich überregional herumgesprochen: Inzwischen fragen immer mehr internationale Künstler bei uns Konzerte an.

Wo stößt die Kulturinitiative dann doch an ihre Grenzen?

Dierks Musikalisch ist "Kult in WK" längst bei Künstlern und Publikum angekommen. Das Haus steht aber zu oft leer. Wir wünschen uns, dass auch andere Kulturschaffende sich hier wohl fühlen, dass sie das Haus für Theaterprojekte oder Chorproben nutzen. Das geschieht auch manchmal, auch Privatleute mieten die Räume. Das könnte allerdings noch viel häufiger passieren. Außerdem wäre Gastronomie gut - vielleicht am Wochenende, und dann Frühstück und Kaffeetafel zur Jazz-Matinee am Sonntag. Oder Konzeptabende mit ganz unterschiedlicher Küche. Die behördlichen Voraussetzungen liegen vor, aber das lohnt sich für Gastronomen wahrscheinlich nicht, denn die müssen davon leben. Sobald es kommerziell wird, wird es eben auch schwierig. Bei Veranstaltungen arbeiten wir mit den Curry-Brüdern zusammen, das klappt super. Aber es ist hier noch viel mehr möglich.

Wie geht es mit der Kulturinitiative weiter?

Dierks Im vergangenen Jahr war es zu viel. Da sind wir manchmal auf dem Zahnfleisch gegangen. Und auch die Dellmänner waren mit so vielen Veranstaltungen ein bisschen überfordert.

THERESA DEMSKI FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
 
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