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Remscheid
Ibach: Kinder werden mit Drogen kalt gestellt

Remscheid: Ibach: Kinder werden mit Drogen kalt gestellt
Mit einer Pille werden Kinder ruhig gestellt, damit alles weiter reibungslos funktioniert. Dieser Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern macht Kinderarzt Dr. Bernhard Ibach Sorgen. FOTO: Jürgen Moll
Remscheid. Der frühere Chefarzt der Kinderklinik des Sanaklinikums kritisiert die medikamentöse Behandlung von verhaltensauffälligen ADS-Kindern. Von Christian Peiseler

Ein sieben Jahre altes Mädchen bringt schlechtere Noten nach Hause. Statt lauter Zweien in einigen Fächer "nur" noch Dreien. Die Mutter ist besorgt. Was wird aus der Schulkarriere meiner Tochter? Schafft sie die Anforderungen, um später auf ein Gymnasium zu gehen? Die Lehrerin an der Grundschule empfiehlt ihr, der Tochter das Medikament "Ritalin" verschreiben zu lassen - um dem Abwärtstrend in der Schule zu stoppen. Die besorgte Mutter wendet sich an Dr. Bernhard Ibach, langjähriger Chefarzt der Kinderklinik im Sanaklinikum. Der kann bei einem solchen Anliegen nur den Kopf schütteln. Drogen für Kinder lehnt er ab.

Die Geschichte des siebenjährigen Mädchens steht für einen Trend. Nach Beobachtungen des Remscheider Kinderarztes nehmen die Fälle zu, in denen Kinder mit Konzentrationsstörungen (ADS) und einer Hyperaktivität (ADHS) medikamentös behandelt werden. Eine Entwicklung, die dem Kinderarzt Sorge bereitet, denn die Diagnose für Kinder mit "ADS" oder ADHS" entbehre jeder seriösen wissenschaftlichen Grundlage. "Es handelt sich hier nur um eine subjektive Bewertung eines Verhaltens", sagt Ibach. Die Ursache für diese Verhaltensauffälligkeiten liege in den veränderten Lebensbedingungen. Es herrsche immer mehr Druck in den Familien, in den Schulen, in der Gesellschaft. Unruhige Kinder passen nicht in eine Gesellschaft des ständigen Leistungsdrucks. Mit einer Pille werden sie ruhig gestellt, damit alles weiter reibungslos funktioniert.

Für diesen Umgang mit Kindern findet Ibach deutliche Worte: "Eine Gesellschaft, der nichts Besseres einfällt, als nicht konforme Kinder mit hochprozentigen Drogen kalt zu stellen, aus denen es kein Aussteigen gibt, bedient sich der Methoden totalitärer Staaten." In seinen Augen handeln Ärzte gesetzeswidrig, weil sie gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen.

Ibach sieht in der Behandlung von Kindern mit dem Wirkstoff Methylphenidat keine medizinische Hilfestellung, sondern nur eine gigantische Einnahmequelle für den Pharmakonzern Novartis. Im Jahr 1993 wurden in Deutschland 34 Kilogramm des Wirkstoffes Methylphenidat verschrieben, im Jahr 2010 stieg der Verkauf laut Ibach auf 1,8 Tonnen.

Ibach beruft sich in seiner Beurteilung des Umgangs mit ADS/ADHS- Kindern auf den renommierten Schweizer Arzt Dr. Remo Largo, Professor am Kinderhospital der Universitätsklinik in Zürich. Unangepasste Kinder sind nicht krank. Im Gegenteil. Wildheit und Unruhe gehören zum Kindesalter dazu, vor allem bei Jungs. Largo bezweifelt massiv, dass durch die Pille die unruhigen Kinder besser lernen und klüger würden. Sie könnten vielleicht eine Prüfung besser bestehen. Mehr nicht. Die Nebenwirkungen der Medikation hingegen hält Largo allerdings für fatal. Die Kinder fühlten sich "wie abgestellt", sie reagierten nicht mehr spontan, sie hätten keine guten Einfälle mehr, seien weniger interessiert an der Welt. Für Ibach stellt sich auch die Frage nach dem Entzug von dieser Droge. "Dafür hat keiner einen Plan", sagt Ibach. Die Kinder bekommen Drogen, aber keiner weiß, wie und wann diese Medikamente abgesetzt werden sollen.

Unruhige Kinder, die ganze Klassen aufmischen - davon können Lehrer und Eltern ein Lied singen. Welche Alternative schlägt Ibach vor? Zum Beispiel die Methode des Neurofeedback und Angebote, wie es das Sozialpädiatrisches Zentrum an der Burgerstraße vorhält. "Das kostbarste Geschenk, das die Gesellschaft ihren Kindern machen kann, ist ihnen Vertrauen zu schenken und Geduld mit ihnen zu haben", sagt Ibach. Dafür müsste sich aber die Gesellschaft ändern.

Übringens: Vierzig Jahre, nachdem der amerikanische Psychiater Leon Eisenberg den Begriff des ADHA eingeführt hatte, gestand er, dass er nicht mehr an ADHS glaube, erzählt Ibach. Diese Diagnose sei ein Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung. Medizin als Mode.

Quelle: RP
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