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Remscheid
"Ihr habt keinen Grund zu jammern"

Remscheid: "Ihr habt keinen Grund zu jammern"
Journalistenschüler Tim Harpers schreibt noch bis Ende März für die Remscheider Redaktion. FOTO: moll
Remscheid. Journalistenschüler Tim Harpers arbeitet für drei Monate für die BM-Redaktion in Remscheid. Er ist gebürtiger Duisburger. Wir haben ihn gefragt, wie es ihm in unserer Stadt gefällt. Sein Fazit: Wir sollten uns glücklich schätzen. Von Tim Harpers

Ich muss gleich zu Beginn ein Geständnis machen. Als ich in den ersten Tagen meiner Ausbildung bei der Rheinischen Post in Düsseldorf erfahren habe, dass meine zweite Station die Bergische Morgenpost in sein wird, war ich ein wenig ratlos. Ich erinnerte mich, bei der Vorbereitung für ein Uni-Referat einmal über Remscheid gestolpert zu sein. Irgendetwas mit Röntgen und einer Brücke. Ansonsten wusste ich praktisch nichts über die Stadt, die Region und die Mentalität ihrer Bewohner. Und nun, sechs Monate später, schreibe ich einen Text über Remscheid. Es ist schon seltsam, wie sich die Dinge manchmal entwickeln.

Als ich Anfang Januar mit grünem Parka und Schirmmütze bekleidet zum ersten Mal in meinem Leben Remscheider Boden betrat, war ich - gelinde gesagt - überrascht. Ich kam in eine Stadt, die meiner Heimat sehr ähnelt. Meiner Freundin sagte ich nach dem Ende der ersten Woche hier: Remscheid ist wie Duisburg, nur mit mehr Schnee". Schwierige Haushaltslage, Leerstand in der Innenstadt, hoher Ausländeranteil. Das alles kannte ich auch aus meiner Zeit in der Duisburger Redaktion. Einen Unterschied habe ich allenfalls im Umgang mit den Problemen festgestellt, in der Mentalität der Menschen. Begegnet der "Ruhri" Schwierigkeiten mit einem (zugegeben häufig naiven) "das passt schon", wirkt der Remscheider auf mich notorisch unzufrieden. Dabei hat er dafür überhaupt keinen Grund.

Duisburg: Blick auf Rhein-Ruhr-Halle und Zinkhüttensiedlung. FOTO: reichwein

Bestes Beispiel für die vielen Dinge, die in Remscheid ziemlich gut funktionieren, ist der öffentliche Nahverkehr. Der ist meiner Erfahrung nach viel besser als sein Ruf. Vom Friedrich-Ebert-Platz aus komme ich in kürzester Zeit an jeden beliebigen Ort im Stadtgebiet. Mit Verspätungen hat jeder Verkehrsbetrieb zu kämpfen, die Taktung, mit der hier die wichtigsten Bus- und Bahnlinien bedient werden, ist aber aller Ehren wert. Vom Hauptbahnhof aus bin ich, wenn alles gut läuft - und das ist dank der Privatbahn Abellio meistens der Fall - in 20 Minuten in Solingen, in 30 Minuten in Wuppertal und in 40 Minuten in Düsseldorf. Verspätungen auf der Strecke waren in der Zeit, in der ich nach Remscheid pendele, vor allem der Deutschen Bahn geschuldet.

Auch die strukturellen Probleme, die Remscheid hat, bieten keinen Grund zur Klage. Als ich das erste Mal die Alleestraße zur Redaktion im Alleecenter hinaufging, löste das - entgegen der Annahme meiner Kollegen - kein ungläubiges Kopfschütteln bei mir aus. Es war vielmehr Verständnis, das da in mir erwachte. "Kenn ich", dachte ich mit Blick auf den um sich greifenden Leerstand. Die Haupt-Einkaufsstraße in Duisburg sieht nicht besser aus. Strukturwandel eben. Jammern muss man deshalb aber nicht.

Es stimmt: In Remscheid fehlt es an Vielem, nicht einmal ein Kino gibt es mehr. Doch ist die Situation tatsächlich so schlimm? Im Alleecenter gibt es alles, was man so braucht. Und ein Kino? Soll kommen. Außerdem kann das Kulturangebot in der Stadt mit dem der größten Ruhrgebietsstädte mithalten. Sicher, in Duisburg gibt es einen Standort der Deutschen Oper am Rhein und ein philharmonisches Orchester. Außerdem haben wir ein leerstehendes Musical-Theater, eine kleine Theaterbühne im Westen der Stadt und hin und wieder Veranstaltungen im bekannten Landschaftspark Duisburg-Nord. Ein Blick auf das Programm des Teo Otto Theaters zeigt aber: Der Remscheider Tempel für Hochkultur braucht den Vergleich nicht zu scheuen. Außerdem sind da noch das Westdeutsche Tourneetheater, die Bergischen Symphoniker, das Rotationstheater und das Kulturzentrum Klosterkirche - nicht schlecht für eine Kommune, die etwa fünfmal kleiner ist als meine Heimatstadt.

Was mir nach meiner Zeit bei der Bergischen Morgenpost aber am ehesten in Erinnerung bleiben wird, ist das Lieblings-Streitthema der Remscheider: das DOC. Was viele hier nicht wissen. Auch in Duisburg sollte außerhalb der Innenstadt ein sogenanntes Factory Outlet Center gebaut werden. Es gab Diskussionen, politische Beschlüsse und Planungen. Für den Bau wurden die Bewohner der sogenannten Zinkhüttensiedlung in Duisburg-Marxloh aus ihren Wohnungen vertrieben und mit der Rhein-Ruhr-Halle eines der prestigeträchtigsten Veranstaltungszentren der Stadt geschlossen. Vor zwei Wochen informierte die Stadtverwaltung die Politik nun über den geplanten Rückzug aus dem Projekt. Zurück bleiben eine Ruine, ein langsam verfallendes Wohnquartier und viele Fragen. Was hat die ganze Planerei eigentlich gekostet? Hätten wir das Geld nicht sinnvoller ausgeben können? Und wieso mussten eigentlich Menschen für diesen Unsinn ihr Zuhause aufgeben? Man kann in Sachen DOC sicherlich unterschiedlicher Meinung sein, in Remscheid gibt es aber immerhin einen Entwicklungsprozess, in den Betroffene mit eingebunden werden (Stichwort Zukunftswerkstatt), und einen breiten politischen Konsens. In der bergischen Stadt sind die Dinge noch in Bewegung. In Duisburg läuft - wenn man ehrlich ist - seit der Loveparade-Katastrophe gar nichts mehr.

Also Remscheid hat es doch gar nicht so schlecht. Ein Blick auf das, was gut ist vor der eigenen Haustüre, lohnt sich immer. Und um es in Anlehnung an den Komiker und Ruhgebietsphilosophen Frank Goosen zu sagen: Legen Sie Ihre (wie man mir gesagt hat) typisch bergische Grimmigkeit doch einmal für einen Moment ab und besinnen Sie sich auf die schönen Seiten Ihrer Heimatstadt. Einfach immer daran denken: Woanders is' auch ... .

Quelle: RP
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